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therapeutisches Theater

 
     
 
besteht methodisch v.a. darin, Begriffe aus Theorie und Netzwerk des Theaters, wie Rolle, Figur, Szene, Drehbuch, Regie und Inszenierung, auf komplexe soziale Situationen im Alltag und Beruf zu übertragen. Das “Sich-in-Szene-setzen” ist ein nicht abtrennbarer Teil jeder Kommunikation und ist auch im psychotherapeutischen Kontext häufig bestimmt von inszenierten Rollen, die in ihrer Dramaturgie oft festgelegt sind und nach inneren Drehbüchern abzulaufen scheinen. Dieser Blickwinkel erlaubt, inszenatorisch und dramaturgisch gleichsam in Bildern zu sehen und zu denken. Dadurch wird es möglich, vor allem in komplexen sozialen Situationen Personen und Figuren im sozialen Kontext schnell zu “begreifen” und angemessene Interventionen zu finden.

Diese Art des Sehens hat die Ressourcen und nicht die Defizite im Blick, sie erleichtert die Anwendung von Metaphern und Bildern, den Einsatz von Humor sowie auch Akzeptanz und Anerkennung der Geschichte, die vom Klienten inszeniert wird: “Was für ein Drehbuch gibt es? Wie lautet das Stück?” Dies gilt auch für Konferenzen, Teamsitzungen oder pädagogische Situationen: “Wer führt eigentlich Regie? Welche Rollen und Figuren sind vertreten? Welche Wiederholungsabläufe gibt es?”

Theater war, wie Therapie, ursprünglich Gottesdienst, hatte oft mit Heilung und Heil zu tun und ist als Phänomen uralt. Theater und Therapie haben eine gemeinsame Geschichte – von den kultisch-dramatischen Spielen mit kathartisch-therapeutischem Effekt über Liturgie, Ritus, Mysterien-, Narren- und Stegreifspiel bis hin zu den modernen Stücken und psychodramatischen und theatertherapeutischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts. Bei der Benutzung von Theatermethoden in Weiterbildung, Psychotherapie und Supervision gibt es einige einfache Prinzipien: Es gibt immer eine Bühne, immer Akteure, immer Zuschauer und immer Beifall. Die “Bühne” ist in der Regel nur durch einen Strich vom übrigen Raum abgetrennt – der Arbeits- und Therapieraum, das Arbeitsmedium, der Ort konkreter Handlung, emotionaler Erfahrung und rationaler Einsicht. Jeder Teilnehmer geht auf die Bühne und sagt einige Sätze. Das Publikum schreibt die Rolle zu. Zu Beginn werden immer zuerst die Möglichkeiten der Teilnehmer angesehen – ihre Körpersprache, Sprechweise und Erscheinung. Dann gibt es im Idealfall eine Liste von Rollen, Figuren und Stereotypen, mit denen Szenen konstruiert und improvisiert werden. Was eine Person gut kann, auch wenn es in ihren Augen eher ein Defizit ist, wird von ihr auf der Bühne vorgezeigt.

Was auf der Bühne zu sehen ist, ist nicht richtig oder falsch, gut oder schlecht. Wenn jemand, der an Schüchternheit leidet, diese Schüchternheit auf die Bühne stellt und vorzeigt, ist er sehr wahrscheinlich authentisch und wird Beifall bekommen. Die Zuschauer sagen vielleicht: “Niemand ist so authentisch schüchtern wie du, toll, Beifall, noch mal, da capo.” Der Schüchterne kann seine eigene Inszenierung als Ressource begreifen. Dann gibt es oft vom Protagonisten Protest: “Ich will nicht immer nur die Schüchterne sein, ich habe auch noch andere Seiten.” Wenn das gelingt, kann er mit Hilfe von außen andere Ressourcen von sich entdecken und vorzeigen. Damit hat der Protagonist die Möglichkeit, sein Verhalten als eine Rolle zu begreifen, die er gut spielt und deren Bewegung und Mimik er gut beherrscht. Er kann wählen zwischen mindestens zwei Verhaltensweisen.

1) Lösungorientierung versus Problemorientierung: Die Szene auf der Bühne zu einem Abschluß bringen, der die Spannung löst – diesen Ausgang kann der Protagonist so oft probieren, wie er will, mit wechselnden Verhaltensweisen und Mitspielern, und so in einer Art Probehandeln zu einer Lösung kommen. Dadurch entsteht zumindest das Bewußtsein, daß es viele Lösungen für ein Problem gibt.

2) Reduktion von Komplexität: Das Herstellen oder Anschauen einer Szene oder “Figur” macht oft sofort klar, “was los ist”. Außerdem sind Strategien von Verbergen, Verstecken usw., die auch in Therapien oft vorkommen, nicht möglich. Alles wird “vorgezeigt”, ist deutlich und klar zu sehen. Der verbale “Inhalt”, auf den Therapeuten und Klienten sich oft beziehen, spielt eine untergeordnete Rolle. Dabei gilt als Grundsatz: Was auf der Bühne zu sehen ist, darf nachher nicht psychotherapeutisch analysiert werden. Es gibt nur Beifall und Reaktionen des Publikums. Das Publikum ist dabei gleichzeitig Zeuge von dem, was geschehen ist.

Weil Theater in den Köpfen der Zuschauer entsteht und die Wahrheit im Auge des Betrachters, sind die Interpretationen oft sehr unterschiedlich. Die Protagonisten erleben auf der “Bühne” etwas anderes als das, was die Zuschauer sehen und interpretieren. Auch das ist eine gute Erfahrung für alle. Im Unterschied zum Psychodrama sind die intrapsychischen Konflikte des Protagonisten – seine Angst, seine Mutter, sein Vater usw. – für die Theorie und auch für die Praxis des therapeutischen Theaters weder relevant noch Thema etwaiger Reflexionen.


 
     
 
 
     
 
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