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Notfallpsychologie

 
     
 
befaßt sich mit der Vorbeugung (Notfallprävention) und Bewältigung posttraumatischer Belastungsstörungen nach psychisch erschütternden Ereignissen (zur wissenschaftlichen Beschäftigung: Psychotraumatologie, zur Therapie: Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie). Auf ein solches Ereignis reagieren Menschen üblicherweise zunächst mit einer akuten Belastungsreaktion, die bei ca. 3/4 der Betroffenen mit einer gesunden Ausgangspersönlichkeit und beim Vorhandensein einer im sozialen Sinn bewältigenden Umgebung nach fünf bis zehn Tagen abklingt. Es handelt sich dabei um eine normale Reaktion auf eine unnormale Situation, nicht um eine Krankheit. Die gestuften Interventionen der Notfallpsychologie sehen dafür eine Unterstützung durch die Psychologische Soforthilfe vor, dessen Kernstück das Psychologische Debriefing ist .

Im Unterschied zu traumatherapeutischen Ansätzen (z.B. Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie) wird im Zeitfenster unmittelbar nach dem kritischen Ereignis ein konsequent salutogenetischer Ansatz verfolgt. Das Vorgehen unterstützt die normalen und gesunden Verarbeitungsmöglichkeiten, vermeidet eine Übernahme der Patientenrolle und beugt so einer Psychiatrisierung der Betroffenen vor.

1) 1-zu-1-Betreuung: Während und unmittelbar nach einem erschütternden Erlebnis haben die Betroffenen das Bedürfnis nach einem persönlichen Ansprechpartner für die allgemein menschliche Unterstützung, der Trost und Zuspruch gibt, und der dem Betroffenen hilft, sich selbst zu organisieren. Der 1-zu-1-Betreuer sollte zuvor Informationen und Instruktionen zum Umgang mit dem Betroffenen und zur eigenen Psychohygiene erhalten. Ein gezieltes Defusing (Beenden der Konfusion) beendet die mit traumatischen Ereignissen einhergehenden Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühle und verhilft wieder zu klarem Denken und folgerichtigem Handeln. Das Defusing ist ein psychologische Intervention und muß daher vom Helfer zuvor sicher gelernt worden sein.

2) Das psychologische Krisenmanagement beginnt mit einem orientierenden Gespräch über die aktuelle Situation des Betroffenen und über die Notfallpsychologie und dient der Erfassung von prä- und peritraumatischen Risikofaktoren, die frühzeitig auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für das spätere Ausbilden einer posttraumatischen Belastungsstörung hinweisen. Damit kann das weitere Vorgehen zur individuellen psychologischen Unterstützung bei der Bewältigung eines traumatischen Erlebnisses geplant werden. Kernstück des Psychologischen Krisenmanagements ist das psychologische Debriefing.

3) Das ambulante Trauma-Bewältigungsprogramm unterstützt vor allem primär psychisch Traumatisierte; der Umfang reicht von 5 bis 20 Stunden und richtet sich nach den aktuellen Bedürfnissen und Beschwerden des Betroffenen. Das Debriefing als klar strukturierte Interventionsmethode ist dabei integriert. Das Trauma-Bewältigungsprogramm wird wohnortnah von Notfallpsychologen eines regionalen Netzwerkes Notfallpsychologie angeboten, um den Betroffenen in seinem sozialen Umfeld zu belassen, und aktiviert und nutzt bewältigende Ressourcen sowohl beim Betroffenen als auch in seinem sozialen Netz. Es besteht aus einer Methodenkombination, benötigt zwischen 10 und 20 Sitzungen und ist keine den Psychotherapie-Richtlinien entsprechende Psychotherapie. Bei einem akuten psychischen Trauma stellt die Aktivierung eines bereits vergangenen psychischen Traumas, welches psychologisch nicht bewältigt werden konnte, oft ein Problem dar. In solchen Fällen einer Retraumatisierung reicht eine Kurzintervention nicht aus. Bei bereits chronifizierten Störungsbildern sollte sich eine Trauma-Therapie anschließen.

4) Stationäres Trauma-Bewältigungsprogramm: Bei schwerwiegender Traumatisierung bzw. Retraumatisierung oder bei bereits chronifizierter posttraumatischer Belastungsstörung mit oder ohne Komorbidität kann eine 4- bis 6-wöchige intensive Psychotrauma-Schmerz-Therapie, z.B. im Rahmen einer stationären Sportkur Abhilfe schaffen. Häufig treten die chronifizierte posttraumatische Belastungsstörung und psychogene Schmerzzustände gemeinsam auf, was die herkömmlichen Rehabilitationsangebote oft überfordert. Körperliche Fitneß und ein lebensbejahendes fröhliches Ambiente sind außerordentlich gewichtige Bewältigungsfaktoren, die im Rahmen einer Sportkur eher zum Tragen kommen als in einer psychosomatischen oder psychiatrischen Klinik. Das Angebot umfaßt neben dem ärztlich überwachten Sportprogramm und dem breitgefächerten physiotherapeutischen Anwendungen ein psychologisches Trauma-Bewältigungsprogramm, ein psychologisches Schmerz-Bewältigungsprogramm und ein berufliches Wiedereinstiegs- und Motivationstraining.

5) Optionale Weiterbetreuung nach stationärem Aufenthalt: Wo es nötig ist, kann für die Zeit unmittelbar nach der Rückkehr nach Hause ein Notfallpsychologe des regionalen Netzwerkes Notfallpsychologie vor Ort einbezogen werden, um beispielsweise die Konfrontation mit dem Ort des traumatischen Ereignisses oder andere psychologisch kritische Situationen, die mit dem Trauma zusammenhängen, zu begleiten. Bei auftretenden Störbarkeiten kann er schnell und komplikationslos psychologische Hilfestellung geben, und er kann bei Bedarf auch weiterhin als Ansprechpartner für den Betroffenen zur Verfügung stehen.

Durch ein individualisiertes psychologisches Bewältigungstraining kann einer posttraumatischen Belastungsstörung vorgebeugt werden. Insbesondere individuelle prä-, peri- und posttraumatische Risikofaktoren müssen aber berücksichtigt werden. Bei einer prätraumatischen Vulnerabilität und/oder einer dissoziativen Störung i.S. einer Notabschaltung der zentralnervösen Überaktivierung während der Traumaexposition ist die Wahrscheinlichkeit einer Fehlverarbeitung mit dem Ergebnis einer posttraumatischen Belastungsstörung sehr hoch. Nach einer diagnostischen Erfassung solcher Frühwarnzeichen kann wahlweise und in Abhängigkeit von der Schwere der Traumatisierung von einem Notfallpsychologen ein ambulantes oder stationäres psychologisches Traumabewältigungsprogramm durchgeführt werden. Bei durchschnittlich 1/4 der von einem psychisch traumatischen Ereignis Betroffenen entwickelt sich ohne geeignete notfallpsychologische Unterstützung eine posttraumatische Belastungsstörung mit Krankheitswert. Im Verlaufe eines Chronifizierungsprozesses treten bei ca. 85% dieser Betroffenen zusätzliche Störungen, wie Depressionen, Angsterkrankungen, Mißbrauch von legalen und illegalen Substanzen, fixierte psychosomatische Probleme, chronische Schmerzen und Störungen der Immunabwehr (Psychoneuroimmunologie) auf.
 
     
 
 
     
 
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