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Autoritarismusforschung

 
     
   
Autoritarismusforschung, die Forschung zur autoritären Persönlichkeit, deren Beginn sich - trotz einiger Vorläufer - mit der prominenten Studie zur "Autoritären Persönlichkeit" von Th. W. Adorno u.a. (1950) datieren läßt. Das zentrale Meßverfahren zur Erfassung dieser Persönlichkeitsstruktur war die F-Skala (Faschismus-Skala). Die übrigen Skalen, wie die E-Skala zur Erfassung des Ethnozentrismus, die PEC-Skala zur Erfassung des politisch ökonomischen Konservatismus und die A-S-Skala zur Erfassung des Antisemitismus, aber auch die übrigen eingesetzten projektiven Verfahren und Tiefeninterviews haben eigentlich zu keinem Zeitpunkt mit der Prominenz der F-Skala konkurrieren können

Die scharfe Kritik sowohl an den theoretischen Grundlagen, wie der Durchführung der Untersuchung, aber auch an den formalen Qualitäten der F-Skala konnten zwar nicht Tausende von empirischen Einzeluntersuchungen und großangelegten Nachuntersuchungen verhindern, dennoch führte die insgesamt uneinheitliche Ergebnislage auf der Basis einer im Kern nie revidierten Theorie zu einem bis Anfang der 80er Jahre extrem nachlassenden Forschungsinteresse.

Mit den Publikationen von Altemeyer läßt sich jedoch ein neuer florierender Abschnitt in der Autoritarismusforschung konstatieren: Die psychoanalytisch orientierten Entstehungs- und Verarbeitungsmuster werden zugunsten einer lerntheoretischen Konzeption aufgegeben, wonach Autoritarismus das Ergebnis von Verstärkungs-und Modellernen ist (Modellernen), aber auch durch direkte und stellvertretende Erfahrungen erworben wird. Die frühkindlichen Erfahrungen im Elternhaus und die Kontakte in den Gruppen Gleichaltriger (Peer-Forschung) üben stärkeren Einfluß aus als spätere Erfahrungen, wobei die Anfälligkeit mit höherem Bildungsgrad drastisch abnimmt. Unter Autoritarismus ("right-wing authoritarianism") versteht Altemeyer (1996) drei Einstellungscluster, die er als a) autoritäre Unterwürfigkeit, b) autoritäre Aggression und c) Konventionalismus bezeichnet. Diese drei "Orientierungsreaktionen" lassen sich mit einer als eindimensional konzipierten Skala aus 30 Items erfassen, deren deutsche Version Schneider (1996) vorgelegt hat.

Auch die von Oesterreich (1996) entwickelte alternative Autoritarismus-Konzeption zählt zu den Neuansätzen, die sich dezidiert von ihrem klassischen Vorbild abheben. Kern dieses Ansatzes ist die autoritäre Reaktion, die immer dann einsetzt, wenn in verunsichernden Situationen Menschen sich an Instanzen oder Personen wenden, von denen sie meinen, daß sie ihnen Schutz und Sicherheit bieten. Diese autoritäre Reaktion entsteht im Sozialisationsprozeß vor allem durch die nicht abgebaute und im Laufe des Lebens verfestigte Bereitschaft, in Krisensituationen mit einer Flucht in die Sicherheit zu reagieren. Das von Oesterreich parallel entwickelte Meßverfahren verzichtet dabei weitgehend auf Einstellungsfragen und enthält stattdessen Verhaltensfragen und Fragen zum Erleben.

Der von Lederer und Schmidt (1995) herausgegebene Sammelband, in dem vor allem Trendanalysen und vergleichende Jugenduntersuchungen von 1945 bis 1993 zusammengestellt sind, macht deutlich, daß Autoritarismusforschung erneut an Bedeutung gewinnt.

Literatur

Altemeyer, B. (1996). The authoritarian specter. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Lederer, G. & Schmidt, P.(1995). (Eds.). Autoritarismus und Gesellschaft. Opladen: Leske + Budrich.

Oesterreich, D. (1996). Flucht in die Sicherheit. Zur Theorie der autoritären Reaktion. Opladen: Leske + Budrich.

Schneider, J. (1997). Erfahrungen mit deutschsprachigen Versionen der Right-Wing Authoritarianism Scale von Altemeyer. In B. Six & U. Wagner (Hrsg.). Autoritarismus: Ein Brennpunkt-Thema. Gruppendynamik, 28, 239-249.
 
     
 
 
 
     
 
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