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Urteilsfehler

 
     
   
verzerrte Wahrnehmungen und Interpretationen der Realität, die nicht absichtlich vorgenommen werden, sondern vielmehr eine (unerwünschte) Begleiterscheinung allgemeiner Prinzipien der menschlichen Informationsverarbeitung sowie sozialer Einflußprozesse darstellen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit systematischen Urteilsfehlern ist in vielen Forschungsfeldern der Psychologie, so z.B. in der Gedächtnispsychologie, der Kognitionsforschung, der Emotionspsychologie oder der Klein- und Intergruppenforschung, angesiedelt (Emotion, Kognition, Gedächtnis). Bislang existiert keine allgemeine Theorie, welche die unterschiedlichen Phänomene und Erklärungen integrieren könnte.

Die Definition eines Urteilsfehlers erfolgt entweder absolut über einen objektiven Bezugspunkt oder relativ, z.B. über einen Vorher-Nachher-Vergleich. Da außerhalb laborexperimenteller Studien ein objektiver Bezugspunkt meist nicht zur Verfügung steht, die objektiv richtige Sichtweise also nicht eindeutig definiert werden kann, wird hier häufig auch der weniger strenge Begriff der “Urteilsverzerrung” bevorzugt.

Viele Urteilsfehler (z.B. Halo-Effekt, selektives Erinnern) können als Konsequenz des Ökonomieprinzips der menschlichen Informationsverarbeitung interpretiert werden. Das Ökonomieprinzip besteht darin, mit möglichst geringem Aufwand (Zeit, Verarbeitungskapazität etc.) ein für die meisten Lebenssituationen hinreichend zufriedenstellendes Ergebnis erzielen zu können. Probleme entstehen erst dann, wenn auch bei sehr komplexen oder folgenschweren Entscheidungsprozessen Routinen zum Einsatz kommen, die nur eine oberflächliche Analyse der Gegebenheiten ermöglichen. Besonders problematisch ist die Aufrechterhaltung von Urteilsfehlern durch kreislaufförmige Prozesse der wiederkehrenden Bestätigung und Verstärkung zuvor (fehlerhaft) vorgenommener Urteile (z.B. hypothesengeleitete Wahrnehmung). Einer Objektivierung der Urteilsprozesse steht dabei vor allem das Problem der “Illusion der Urteilssicherheit” gegenüber: In der Regel neigen wir zu einer Überschätzung der Qualität der eigenen Urteilskraft und sehen daher auch keine Veranlassung, die eigenen Urteile zu hinterfragen.

Das psychologische Wissen um systematische Urteilsfehler hat sowohl wissenschaftliche als auch praktische Implikationen. Für die Wissenschaft leitet sich die Forderung nach einem empirischen Vorgehen auf der Basis replizierbarer Untersuchungen ab. Die subjektive Überzeugungsstärke des einzelnen Wissenschaftlers, die Anzahl seiner Anhänger oder die Eleganz seiner Argumente reichen ebensowenig wie die politische Opportunität als Beleg für den Wahrheitsgehalt der vertretenen Position aus. Die große praktische Relevanz dieses Forschungsgebietes offenbart sich vor allem dort, wo es darum geht, andere Menschen zu beurteilen, und hiermit weitreichende Konsequenzen verbunden sind. Dies trifft in besonderem Maße auf professionelle Beurteiler wie z.B. Lehrer, Polizisten, Richter, Führungskräfte, Politiker oder Psychologen zu. Die Kenntnis entsprechender Phänomene ist wichtig, um Entscheidungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch im Privatleben optimieren zu können.

Literatur

Kanning, U.P. (1999). Die Psychologie der Personenbeurteilung. Göttingen: Hogrefe.


 
     
 
 
 
     
 
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