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Bildende Kunst

 
     
   
insbesondere die Malerei und die Plastik, drückt seelische Zustände und Regungen ihrer Schöpfer aus und bewirkt Empfindungen bei ihren Betrachtern. Ursprünglich war jede Kunst eine Magie: Abbildungen sollten die flüchtige Wirklichkeit bannen, sie gleichsam in Besitz nehmen und sogar ihre Veränderung beschwören. Die ältesten erhaltenen Malereien fand man in schwer zugänglichen Höhlen, zum Beispiel im spanischen Altamira, wo sie unmöglich zum Schmuck, ja nicht einmal zur Betrachtung gedient haben können. Sie stellen vor allem jagdbare Tiere dar. Man hat sie also geschaffen, weil man hoffte, die Tiere durch ihre Darstellung einem Zauber zu unterwerfen, dank dessen sie leichter zu erlegen wären. Noch in den Bildern etwa der holländischen Kleinmeister, die schöne Wohnräume, mit Nahrung reich bestellte Tische oder prächtige Pferde zu schildern liebten, liegt etwas wie die Beschwörung des Reichtums. Die religiöse Kunst versprach die Freuden des Himmels, verklärte die Heiligen und stellte in der Abbildung eines Martyriums die Überwindbarkeit des Leidens dar. Bei Hieronymus Bosch, wie später bei den Surrealisten, wird man an Alpträume erinnert, in denen aber doch auch die verbotene und deshalb verdrängte Lust spürbar wird. Die erotische Kunst verewigte und vervollkommnete die Schönheit von Frauen und Männern oder verherrlichte die Freuden der sinnlichen Liebe. Im Lebenswerk manches Meisters spiegelt sich seine Lebensgeschichte. Für das Gemälde »Anna Selbdritt« des Leonardo da Vinci hat Freud durch den Vergleich mit einer Kindheitserinnerung des Künstlers glaubhaft gemacht, daß sich in dem Bild ein entscheidender Konflikt aus der Situation der früheren Lebensjahre zugleich versteckt und ausgedrückt hat. Seit einigen Jahrzehnten hat sich die Bildende Kunst mehr und mehr von der Wiedergabe oder der Verklärung der Wirklichkeit gelöst, nicht zuletzt deshalb, weil nun die Fotografie die Realität viel besser einfangen kann. Aber auch die abstrakte Bildnerei drückt durch Farben und Formen Gefühle aus, und sie gibt besser das Lebensgefühl unserer Zeit mit ihrer Entfremdung und Zerrissenheit wieder, als dies eine bloße Dokumentation könnte. Vielleicht noch deutlicher als in der Malerei wird der magische Charakter der Bildenden Kunst in der Plastik. Hier werden ja gleichsam körperliche Menschen neu geschaffen. Die Legende vom Bildhauer Pygmalion, der die Götter bat, seiner Elfenbein-Statue der Galathea Leben einzuhauchen, macht beispielhaft deutlich, daß in Schöpfungen wie der »Venus von Milo« Wunschbilder »realisiert« worden sind. Schreckbilder wie etwa die Lakoon-Gruppe entstanden in dem Wunsch, das Grauen zu bannen. Die Darstellung von Helden und Königen sollte sie »unsterblich« machen. Noch in einer plastischen »Collage« wie dem »Stierkopf«, den Picasso aus einem Fahrradsattel und einer Lenkstange schuf, lassen sich Züge einer seelischen Auseinander setzung erkennen, denn sie stellte Beziehungen oder Assoziationen her und bemühte sich um die Freiheit eines Spiels. Weniger einfach läßt sich die Architektur psychologisch aufschlüsseln. In ihr mischen sich ja Forderungen des Nutzens und Gesetze des Handwerks oder der Technik mit den eigentlich künstlerischen Bestrebungen. Offenkundig ist aber auch, daß man Tempel und Kirchen nicht einfach als Versammlungsräume baut, sondern als Ausdruck des Glaubens und mit dem vielleicht ganz unbewußten Ziel, durch die Gestaltung das religiöse Erleben anzuregen und zu steigern. Schlösser, Rathäuser und noch heute zahllose Villen sollen Macht und Reichtum ausstrahlen. Der Stilwandel auch der Architektur spiegelt die Geschichte der sozialen Veränderungen und der seelischen Einstellungen, die sich aus ihnen ergaben. Jede Epoche hat in ihren Bauten die Zeichen ihres Zeitgeistes, ihrer Bewußtseinslage hinterlassen. Bauformen, die in allen Stilen wiederkehren, sind zugleich Symbole. Jedes Haus ist ein Symbol des Mutterleibes als des Vorbildes der Geborgenheit. Bögen sind Symbole weiblicher Rundungen, Säulen sind Symbole des Phallus. Manchmal zeugt noch die Sprache von solchen Beziehungen, so bekundet »Brüstung« die Symbolisierung der »Brüste«. In der Vieldeutigkeit ihrer Zeichen und der relativen Strenge ihrer Gesetze erinnert die Architektur an die Musik, während sich Bilder, wenn sie etwas »erzählen«, der Literatur, und wenn sie etwas szenisch darstellen, dem Theater nähern. Freud ging davon aus, daß in allen schöpferischen Werken vor allem sexuelle Triebregungen in kulturelle Leistung und künstlerische Gestaltung umgesetzt werden. Diesen Vorgang nannte er Sublimierung.
 
     
 
 
 
     
 
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