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Psychologielexikon

Überarbeitete Ausgabe

Psychologielexikon

Vorurteil

Autor
Autor:
Klaus-Dieter Zumbeck

eine Meinung, die ohne eigenes Urteil von anderen übernommen worden ist. Ein sehr großer Teil unseres Denkens setzt sich aus solchen Vorurteilen zusammen. Bis zu einem gewissen Grade sind sie sogar notwendig, da es unmöglich wäre, alle Erfahrungen neu zu prüfen. Oft enthält ein Vorurteil berechtigte Einstellungen, die erst dadurch falsch werden, daß man sie verallgemeinert und Einwände oder Ausnahmen nicht wahrhaben will. Sie sind Klischees ohne Rücksicht auf die Vielfalt der realen Erscheinungen. Sie wiederholen die Auffassungen, denen man in der Kindheit bei seinen Eltern und in der engsten Nachbarschaft begegnet ist. Sie bleiben am stärksten in Schichten, in denen die Erfahrung begrenzt ist und es kaum einen Zugang zu Bildung gibt. Am heftigsten sind gewöhnlich die Vorurteile gegen Menschen anderer Herkunft, vor allem wenn man mit ihnen als Minderheiten in der eigenen Gesellschaft zu tun hat. Hier beruhen sie darauf, daß andere Sitten und Wesenszüge die eigene Wertordnung infrage zu stellen scheinen. Man wendet sich gegen Verhaltensweisen, zu denen man selbst versucht sein könnte, die aber in der eigenen Gruppe als falsch gelten. Die anderen scheinen als richtig zu empfinden, was man selbst als Vergehen einzuschätzen gelernt hat. Die anderen scheinen also die Sünden zu begehen, die man selbst manchmal begehen möchte. Mit dem Vorurteil macht man die anderen nun zu Sündenböcken. Selbst das, was man als Leistungen anerkennen müßte, zu denen man nicht gleichermaßen fähig wäre, weckt Neid und Feindschaft. Erst in der Abwehr der anderen mithilfe des Vorurteils gewinnen die Eigenschaften der eigenen Gruppe ihren besonderen Wert. Solche Vorurteile gegen vermeintliche Feindgruppen lassen sich nicht einzig durch Aufklärung abbauen; die Fremdenfurcht (Xenophobie) ist vielmehr in unbewußten Gefühlen verankert, deren Herkunft erst erkannt werden müßte, ehe es zu einem sachgerechten Urteil kommen kann.Vorgefaßte Ansicht oder Einstellung gegenüber Personen oder Sachen. Am meisten in der Psychologie untersucht wurden Vorurteile, die rassische oder politische Minderheiten betreffen (Juden, Farbige, Kommunisten). Vorurteile können aufgrund ihrer sozialen Funktion (zum Beispiel im Rahmen von Klassenkämpfen) untersucht werden, oder auch im Hinblick auf ihre Entstehung in der einzelnen Persönlichkeit. Es ist hier deutlich geworden, daß solche vorgefaßten Urteile von der Primärgruppe (meist der Familie) übernommen werden und sich dann nach dem Vorgang der Prophezeiung, die sich selbst erfüllt, bestätigen : Wer Negern oder Juden vorurteilsvoll-ablehnend gegenübertritt, wird mit ihnen wohl meist auch Erlebnisse haben, die sein Vorurteil zu bestätigen scheinen. Zudem bieten Vorurteile eine Möglichkeit, Aggressionen, die nicht gegen die tatsächlichen Ursachen von Frustration gerichtet werden können, auf ein wehrloses Objekt zu verschieben. Das ist in der Entstehung der autoritären Persönlichkeit der Fall.

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