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selbstorganisiertes Lernen

 
     
   
auch: selbstgesteuertes, selbstreguliertes, selbstbestimmtes, offenes, informelles, autonomes, autodidaktisches Lernen, Selbststudium. Selbststeuerung und Fremdsteuerung sind Extrempunkte eines Kontinuums. Lernen wird als selbstgesteuert bezeichnet, wenn der Lernende wesentliche Elemente in seinem Arbeitsprozeß selbst bestimmt: 1) Lernplanung (selbständige Bestimmung von Lernbedarf, Ressourcen, Zielen, Inhalten, Lernort und Lernzeit), 2) Lerntätigkeiten (eigene Wahl der Lernmittel, Methoden, Aufgaben, Lernschritte, Regeln und Lernstrategien), 3) Lernkontrolle (Kontroll-, Lenkungs- und Auswertungsprozesse, Verhaltensreflexion und Fehlermanagement, Wahl der Form von Rückmeldung und Expertenhilfe) und 4) Lernkooperation (Möglichkeiten zur sozialen Interaktion bei der Bewältigung der Lernaufgabe) (Kooperation).

Der Begriff selbstorganisiertes Lernen ist meist allgemeiner und offener gehalten: Im Mittelpunkt stehen die eigenständige Strukturierung und Ordnung des Lernprozesses. Die Begriffsbestimmungen für selbstorganisiertes Lernen und selbstgesteuertes Lernen weisen jedoch je nach Autoren erhebliche Überschneidungen und Differenzen auf.

Rationaler und ganzheitlicher Humanismus, Montessori-Pädagogik, Reformpädagogik der 20er und 30er Jahre, humanistische Pädagogik und humanistische Psychologie gelten als historische Wurzeln des selbstorganisierten Lernens. In den USA gibt es seit den 60er Jahren eine ausführliche Diskussion über “self-directed learning”.

Das verstärkte Forschungsinteresse am selbstorganisierten Lernen läßt sich insbesondere zurückführen auf: die bildungspolitische Diskussion über fremdbestimmtes Lernen in Schulen und Hochschulen und die Forderung nach demokratischen Lernformen, die Diskussion über lebenslanges Lernen in der betrieblichen Weiterbildung in Folge ökonomischer, betrieblicher und gesellschaftlicher Veränderungen, verbesserte Möglichkeiten der Individualisierung des Lernens durch Integration von Informations- und Kommunikationstechniken in die Bildung, den Einzug handlungstheoretischer und konstruktivistischer Modellvorstellungen.

Selbstorganisiertes Lernen wird als Voraussetzung, Methode und Ziel des Lernens beschrieben. Forschungsgegenstand sind zum einen die Struktur und Organisation des Lernens und damit verbundene kognitive Verarbeitungsprozesse. Dies beinhaltet auch das unabhängige Lernen außerhalb formaler Bildungsstrukturen. Im didaktischen Diskurs bekommen die Begriffe eine präskriptive Konnotation als pädagogische Zielvorstellung.

Selbstorganisation beinhaltet eine Verlagerung der Verantwortung hin zum Lerner. Das Lernprogramm wird vom Lernenden dabei selbst geplant, ausgeführt und ausgewertet. Der Lehrende nimmt die Rolle eines Beraters ein, der den Lernstand der Lerner einschätzt, Programme für die weitere Entwicklung des Lernenden anbietet sowie arrangierende und kontaktvermittelnde Aufgaben im Lernfeld wahrnimmt. Bei selbstorganisiertem Lernen in Gruppen werden Lernhilfen für gemeinsame konstruktive, selbstverantwortliche, kreativ-problemlösende Lernaktivitäten angeboten. Die Instruktion kann durch Variation von Lernzielen, Lernmaterial und Lernzeit flexibel an individuelle Lernerbedingungen, z.B. kognitive Stile, Vorkenntnisse, Motive, Interessen und intellektuelle Fähigkeiten angepaßt werden (Wochenplanarbeit). Bezüglich des theoretischen Hintergrunds sind zwei Richtungen maßgeblich. 1) Handlungstheoretisches Lernverständnis: Beim selbstgesteuerten Lernen als zielgerichtete Tätigkeit entwirft der Lerner unter Einbeziehung von Informationen über seinen augenblicklichen Ist-Zustand Lernhandlungen, die sein Lernen auf einen Soll-Zustand ausrichten. Die Resultate eines weiteren Ist-Soll-Vergleichs nach Ausführung der Lernhandlungen gehen über eine Rückkopplungsschleife in die weitere Planung ein. 2) Konstruktivistisches Lernverständnis: Selbstorganisiertes Lernen wird als selbstreferentieller, autopoietischer Prozeß verstanden. Realität wird in der Interaktion mit der Umwelt stets subjektiv konstruiert. Denken ist netzwerkartig organisiert und gekennzeichnet durch parallele, selbstorganisierende und assoziative Prozesse. Gefühle, Empfindungen, Gedanken und körperlich-motorische Reaktionen spielen ineinander. Das Nachdenken über eigene Lernprozesse und Wirklichkeitskonstruktionen ermöglicht eine bewußte Selbstveränderung.

Literatur

Deitering, F. G. (1995). Selbstgesteuertes Lernen. Göttingen: Verlag für angewandte Psychologie.

Greif, S. & Kurz, H.-J. (Hrsg.) (1996). Handbuch Selbstorganisiertes Lernen. Göttingen: Verlag für angewandte Psychologie.


 
     
 
 
 
     
 
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