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Symbiose

 
     
   
die Lebensgemeinschaft zweier selbständiger Wesen, die zu gegenseitigem Nutzen aufeinander angewiesen sind. Das Verhältnis des Kindes im ersten Lebensjahr zu seiner Mutter hat der Schweizer Psychoanalytiker Rene Spitz als Symbiose beschrieben. Diese Abhängigkeit betrifft nicht nur die körperlichen, sondern geradeso die seelischen Bedürf nisse des Kindes. Ein Mangel an Zuwendung kann ebenso schlimme Folgen haben wie eine Krankheit (vgl. Hospitalismus). Doch empfängt das Kind nicht nur, es gibt der Mutter auch etwas zurück und beeinflußt durch seine Aktionen und Reaktionen ihr Verhalten. Ein anderes Beispiel für Symbiosen im menschlichen Leben ist die langfristige Zusammengehörigkeit eines Paares. In mancher Ehe haben sich die Gatten so aufeinander eingestellt, so aneinander abgeschliffen, so miteinander identifiziert, daß sie für die Umwelt beinahe wie ein einziges Wesen erscheinen. Werden sie durch den Tod getrennt, wirkt der Überlebende hilflos. Hier ist ein jeder vom anderen in gleichem Maße abhängig. Es gibt aber auch gleichsam schiefe Symbiosen, in denen die Abhängigkeit des Schwächeren ihn zum Sklaven des Stärkeren macht (Hörigkeit). Ein solches Verhältnis verleitet den Stärkeren, am Schwächeren seine Machtgelüste und Aggressionen auszuleben. Manche Gemeinschaft, die lange Zeit nur der Verbundenheit ihrer Teilhaber gedient zu haben scheint, offenbart die Gegengefühle, die während ihrer Dauer unterdrückt worden sind, sobald sie zerbricht. Sie dauert dann in gewisser Weise als Abhängigkeit von Feinden fort, die voneinander nicht lassen können, um sich wehzutun. In diesem Umschlag von Liebe in Haß zeigt sich kraß die Ambivalenz.In der Biologie Lebensgemeinschaft verschiedener Arten, die beiden Beteiligten Nutzen bringt, aber auch zu großer wechselseitiger Abhängigkeit führen kann, so daß ein Partner ohne den anderen nicht überleben kann. In menschlichen Beziehungen spricht man von einer Symbiose oder symbiotischen Beziehung, wenn die Abhängigkeit eines der beiden Partner so groß ist, daß er erhebliche Einbußen an selbständiger Lebensgestaltung in Kauf nimmt. Eine Symbiose ist in der Kindheit normal; das Kind ist in seinem seelischen und körperlichen Wohlbefinden, ja (vor allem unter urtümlicheren Lebensbedingungen) in seinem Überleben schlechthin vom Wohlwollen der Bezugspersonen abhängig. Von einer krankhaften Symbiose spricht man dann, wenn diese frühkindliche Abhängigkeit nicht allmählich abgebaut wird, sondern fortbesteht und möglicherweise sogar auf andere Bezugspersonen übertragen wird. Was gelegentlich «Hörigkeit» genannt wird, gehört hierher. Der Symbiose-Partner gewinnt die Rolle des mächtigsten Motivs. Die Beziehung zu ihm muß fast um jeden Preis aufrechterhalten werden. Hinter dieser Abhängigkeit können erhebliche Aggressionen stehen, die nicht geäußert werden und nur in Ausnahmesituationen zutage treten. Wenn ein Ehepaar, das allen als Muster der gegenseitig Anhänglichkeit galt, sich von einem Tag auf den anderen heftig mit allen Mitteln legaler und illegaler Art bekämpft, kann man eine bisher bestehende, solche Aggressionen zudeckende Symbiose annehmen. Ähnlich kann man von einer Symbiose sprechen, wenn eine Mutter ihren Sohn lieber im Schlaf ersticht als zuläßt, daß er heiratet. Solche Fälle kommen vor, sind aber sehr selten; häufiger wird die Wut über den «untreuen» Sohn dadurch abgewehrt, daß die Schwiegermutter sie auf die Schwiegertochter projiziert (Projektion) , ein durch eine Fülle von Witzen belegbares Motiv. Symbiosen entstehen, weil der Symbiosepartner (zum Beispiel das Kind) eine ausgleichende Rolle in einem ungenügend gefestigten Narzißmus (der Mutter) spielt.
 
     
 
 
 
     
 
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