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Psychologie in weltweiter Perspektive

 
     
   




Wachstum der Psychologie

Das Geburtsdatum der Psychologie als wissenschaftlicher Disziplin wird konventionellerweise auf 1879, das Jahr der Gründung des weltweit ersten Universitätsinstituts für Psychologie in Leipzig durch Wilhelm Wundt gelegt. Neben der institutionellen Verankerung in Instituten und der Einrichtung von Lehrstühlen sind weitere Merkmale zu nennen, die vom internationalen Wachstum und der Ausbreitung einer Disziplin Zeugnis geben: Die Etablierung einer professionellen Universitätsausbildung und die Verrechtlichung von Berufsbezeichnung und Zertifikaten, die Bildung und Differenzierung wissenschaftlicher und berufspraktischer Gesellschaften samt ihren Publikationsbemühungen sowie die Differenzierung inhaltlicher Schwerpunkte.

Aussagen zur rein quantitativen Entwicklung der Berufsgruppe der Psychologen sind wegen der beschränkten Verfügbarkeit valider statistischer Informationen nur cum grano salis zu nehmen, vermitteln aber dennoch ein grobes Gesamtbild. Die Entwicklung in den USA mag als Beispiel gelten (Sexton & Hogan, 1992), dem viele Länder mit zeitlicher Verzögerung des relativen Wachstums, bezogen auf die jeweilige Landesbevölkerung, zu folgen scheinen. Zwischen 1892 und 1929 wuchs die Mitgliedschaft der American Psychological Association auf 1.000. Danach erfolgte ein geradezu phänomenaler exponentieller Zuwachs der Mitgliedschaft, die Mitte der 80er Jahre 102.000 erreichte, für 1992 auf 145.000 geschätzt wurde und zum Ende des 20. Jahrhunderts bei 160.000 liegen dürfte.

Nach Schätzungen Rosenzweigs (1992) betrug die Anzahl von Psychologen weltweit 1980 ca. 260.000 und um 1990 über 500.000. Innerhalb einer Dekade hatte sich die Gesamtzahl verdoppelt. Nimmt man diese Wachstumsraten weiterhin als gültig an, so dürfte sich die Zahl der Psychologen weltweit bei der Wende zum 21. Jahrhundert der Millionengrenze nähern. Angesichts des fortbestehenden oder gar wachsenden Interesses von Studienanfängern für Psychologie in vielen Ländern mag diese Extrapolation durchaus gerechtfertigt sein. Freilich schwankt die nationale "Versorgungsdichte" mit Psychologen sehr stark. Dies gilt insbesondere im Vergleich industrialisierter und in Entwicklung befindlicher Länder (Rosenzweig, 1992). In Industrieländern außerhalb Osteuropas betrug die durchschnittliche Rate von Psychologen pro einer Million der jeweiligen Bevölkerung 550, in Osteuropa 83, in Entwicklungsländern einschließlich Chinas 84.

Eine weitere aufschlußreiche demographische Kennzahl bietet das Verhältnis männlicher und weiblicher Psychologen, das weltweit ebenfalls stark schwankt. In Europa betrug nach Sexton & Hogan (1992: 470) der weibliche Anteil an Psychologen 53%, in Südamerika und der Karibik 70%, in Asien 25%. Offenkundig geht weltweit der Trend jedoch zunehmend in Richtung größerer Anteile weiblicher Psychologen.



Ausbildung und rechtliche Absicherung des Psychologenberufs

Weltweit bestehen beträchtliche Unterschiede hinsichtlich Ausbildung und Lizensierung von Psychologen. Zwar ist beispielsweise die Dauer universitärer Ausbildung in den meisten europäischen Ländern vergleichbar (fünf - sechs Jahre, allerdings mit einer Bandbreite von vier - acht Jahren), aber strukturell sind die Ausbildungsgänge sehr verschieden. Es lassen sich zumindest drei Ausbildungsmuster unterscheiden: das "drei-plus-zwei-plus-drei Jahresmuster" (mit Doktorat als Abschluß), das "fünf-Jahre Spezialistenmuster" und das "fünf Jahre Generalistenmuster" (Lunt, 1992). Wichtiger dürften aber Unterschiede der Ausbildungsphilosophie sein, die mit den strukturellen Unterschieden einhergehen: Generalistenausbildung wie in Deutschland oder Spezialistenausbildung wie in Frankreich. Was hier am Beispiel Europas gezeigt wird, gilt mutatis mutandis auch über bestehende Unterschiede weltweit.

Beachtliche Differenzen bestehen ebenso hinsichtlich des Rechtsschutzes und der Lizensierung beruflicher Praxis als Psychologen. In einigen Ländern erfolgt die Lizensierung über nationale Gesellschaften der Psychologie (England) oder durch staatliche Gesetze mit obligatorischer Registrierung (Südafrika), in manchen Ländern erfolgt der Rechtsschutz über einen Universitätsabschluß (Deutschland), andere haben unverbindliche oder keinerlei Regularien (Indien). Wo entsprechende Regelungen nicht bestehen, sind tendenziell in den meisten Ländern jedoch Bemühungen im Gange, den Schutz des Psychologenberufes und seiner Ausübung zu regeln.



Regionalisierung und Internationalisierung der Psychologie

Im Jahre 1989 begann in Paris mit dem ersten internationalen Psychologiekongreß die Serie solcher Kongresse, die, anfänglich von kleinen Gruppen organisiert, in Abständen von 3 bis 5 Jahren durchgeführt wurden. Nationale Gesellschaften der Psychologie entstanden sehr früh: USA 1882, Frankreich und England 1901, Deutschland 1904, Argentinien 1908. Der eigentliche Gründungsboom setzte nach dem 2. Weltkrieg ein, und führte dazu, daß um 1950 in praktisch allen Industrieländern nationale Gesellschaften für Psychologie bestanden (Rosenzweig, 1992).

Unter dem maßgeblichen Einfluß von Claparèdes wurde 1920 die Internationale Gesellschaft für Psychotechnik gegründet, die sich 1955 in International Association of Applied Psychology (IAAP) umbenannte. Sie ist damit die älteste internationale Psychologengesellschaft mit individuellen Mitgliedern aus mehr als 80 Ländern. Während des 2. Weltkrieges entstand der International Council of Psychologists (ICP) aus einer Initiative von Psychologinnen. Die Föderation nationaler Gesellschaften der Psychologie oder Wissenschaftsakademien mit psychologischen Abteilungen wurde 1954 gebildet - die International Union of Psychological Science (IUPsyS). Der ICP hält jährlich internationale Konferenzen ab, während alternierend von IAAP und IUPsyS alle zwei Jahre ein Weltkongreß durchgeführt wird (IAAP: San Francisco 1998, Singapur 2002, Athen 2006; IUPsyS: Stockholm 2000, Bejing 2004). Neben diesen drei Organisationen, welche die Gesamtheit der wissenschaftlichen Psychologie abzudecken beanspruchen, gibt es eine große Anzahl thematisch orientierter internationaler Gesellschaften, zu denen etwa die International Association of Cross-Cultural Psychology (IACCP) als eine der größten mit individueller Mitgliedschaft zählt.

Aufgrund der in ihr zusammengeschlossenen nationalen Psychologiegesellschaften kommt der IUPsyS in der weltweiten Vertretung der Psychologie ein besonderes Gewicht zu, so als Mitglied im International Social Science Council der UNESCO und im International Council of Scientific Unions (ICSU), dem weltweiten Zusammenschluß aller wissenschaftlichen Gesellschaften. Seit Ende der 90er Jahre bahnt sich in zunehmendem Maße eine enge Zusammenarbeit der großen internationalen Psychologiegesellschaften an. Durch eine Initiative der IAAP wurde anläßlich des Weltkongresses in San Francisco 1998 erstmals ein Weltforum der internationalen psychologischen Gesellschaften gegründet, an dem Präsidenten der 25 größten weltweiten Gesellschaften teilnahmen. Das Weltforum findet alle zwei Jahre während der Kongresse von IAAP und IUPsyS statt und wird gemeinsam von den Präsidenten dieser Organisationen geleitet. IAAP und IUPsyS verstärken ferner ihre Zusammenarbeit durch gemeinsame Arbeitstreffen ihrer Leitungsgremien, die in Abständen von etwa sechs Monaten stattfinden. Intention dieser Zusammenarbeit ist die Verbesserung der Vertretung der Disziplin Psychologie in allen relevanten Institutionen (z.B. Unterorganisationen der UNO). Es mag von Interesse sein, daß erstmals deutschsprachige Wissenschaftler zu Präsidenten von IUPsyS (Kurt Pawlik 1992-1996) und IAAP (Bernhard Wilpert 1994-1998, Michael Frese 2002-2006) gewählt wurden.

Neben den weltweiten internationalen Zusammenschlüssen der Psychologie entstanden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrere regionale Organisationen. Hierher gehören die Sociedad Interamericana de Psicologica (SIP), die Psychologen Süd- und Nordamerikas organisiert und bis 1999 bereits 27 Regionalkongresse abhielt; die 1981 als Föderation nationaler europäischer Psychologiegesellschaften gegründete European Association of Professional Psychologists Associations (EFPPA), die alle zwei Jahre den Europäischen Kongreß für Psychologie verantwortet (1999 Rom, 2001 Wien); die Asia-Oceanian Psychological Association (AOPA). Regionale Zusammenschlüsse widmen sich der Wahrnehmung vielfältiger geographisch begrenzter Interessen, unter anderem der Verbesserung der Kooperation von Wissenschaft und Praxis, Klärung und Vertretung berufsständischer Anliegen, Harmonisierung von Ausbildungsmaßnahmen und Reaktion auf Richtlinien zwischenstaatlicher Institutionen wie etwa der Europäischen Union, Entwicklung ethischer Richtlinien psychologischer Tätigkeit, Einbringung psychologischer Kompetenz zur Lösung gesellschaftlicher Probleme in der Region (Lunt & Poortinga, 1996; Lunt, 1998).



Internationale psychologische Publikationen und Datenbasen

Die Anzahl psychologischer Zeitschriften dürfte weltweit erheblich über 1.000 liegen. Jährlich erscheinen ca. 60.000 psychologische Veröffentlichungen als Bücher oder Buchbeiträge (Rosenzweig, 1992). Erwähnt sollen daher nur die wichtigsten Periodika werden, insbesondere die der internationalen Zusammenschlüsse der Psychologie. Die Zeitschrift der IAAP, Applied Psychology – an International Review, erschien 1999 bereits in ihrem 48., das International Journal of Psychology, die Zeitschrift der IUPsyS, in ihrem 34. Jahresband. Jüngeren Datums ist World Psychology, die Zeitschrift des ICP. Ein Beispiel für viele regionale Periodika ist der seit 1995 erscheinende European Psychologist. Von weltweiter Bedeutung sind jedoch des weiteren die 1950 begründete Annual Review of Psychology sowie die seit 1927 von der American Psychological Association veröffentlichten Psychological Abstracts. Daneben bestehen eine große Anzahl thematisch orientierter internationaler psychologischer Periodika.

In zunehmendem Maße macht sich die Psychologie neue Technologien der Information und Kommunikation zunutze. So gehen viele Verlage psychologischer Zeitschriften dazu über, den Zugriff auf ihre Zeitschriften über das Internet zu ermöglichen. Desgleichen können umfangreiche Datenbanken psychologischer Literatur über das Internet erschlossen werden: PsycLIT und Psyndex. Sie alle dienen dem Ziel, wissenschaftliche Veröffentlichungen der Psychologie weltweit verfügbar zu machen.



Inhaltliche Trends

Zum Ende des 20. Jahrhunderts hat die Psychologie in ihrer verhältnismäßig kurzen Geschichte im Kontext der Wissenschaften weltweit einen eindeutigen und sicheren Platz erworben. In den 90er Jahren kommt jedoch international eine Diskussion zu ihrem vorläufigen Höhepunkt, in der angesichts der weltweiten Differenzierung der Psychologie die mit ihr vermuteten zentrifugalen Kräfte thematisiert werden und die anläßlich des 22. Internationalen Kongresses für Psychologie der IAAP in Kyoto und in mehreren Zeitschriften (American Psychologist, International Journal of Psychology) ausgetragen wird. Es geht um die Frage: eine oder viele Psychologie(n)? Als auseinander strebende Kräfte werden dabei interne und externe Faktoren identifiziert. Zu internen Faktoren zählen unterschiedliche theoretische Positionen und Forschungsrichtungen mit damit einhergehenden Kommunikationsproblemen. Als externe Faktoren gelten u.a. sozio-ökonomischer Entwicklungsstand, der Zuwachs gesellschaftlicher Probleme und damit verbundene neue Anwendungsfelder der Psychologie, das Entstehen von Teildisziplinen. Ungezügelte Differenzierung birgt die Gefahr, daß die Psychologie der Gesellschaft und anderen Wissenschaften gegenüber ein inkohärentes Image bietet. Dem gegenüber werden jedoch auch zentripetale Kräfte vermerkt: weltweiter Konsens über die Hauptgebiete der Psychologie, gemeinsame Grundzüge der Ausbildung, gemeinsame Geschichte, gemeinsame internationale Organisationen und Publikationsorgane, rechtliche Verankerungen. Als Grundtenor dieser Diskussion über Einheit und Vielfalt der Psychologie läßt sich bislang festhalten: Nur eine Psychologie, aber vielfältige Anwendungsbereiche.

Eine der großen künftigen Herausforderungen für die weltweite Einheit der Psychologie verbindet sich mit dem Begriff der "Indogenisierung". Gemeint ist damit die Reaktion vieler Psychologen insbesondere aus Entwicklungsländern, die sich gegen die Dominanz westlicher "Mainstream-Psychologie" auflehnt, weil sie für die jeweiligen andersartigen kulturellen und geschichtlichen Traditionen dieser Länder als unangemessen, verfremdend und nachgerade kolonisierend erlebt wird. Gesucht werden theoretische und methodologische Zugänge zu einer "Forschung, die aus der Kultur hervorgeht, in der sie betrieben wird" (Adair, Puhan & Vohre, 1993:152). Es gehören hierzu auch gezielte Bemühungen, uralte verschüttete psychologische Einsichten der Kulturen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas wieder zum Tragen zu bringen. Die westliche Dominanzstellung der Psychologie wird hier als nur eine Variante ethnozentrischer, indogener Wissenschaft gewertet. Die inner-disziplinäre Herausforderung besteht nun darin, Grundlagen zu entwickeln, die es erlauben, die Einheit der Psychologie in ihrer weltweiten Vielfalt als Stärke der jungen Wissenschaft zu begreifen (Wilpert, 2000).

Literatur

Adair, J.G., Puhan, B.N., Vohra, N. (1993). Indigenization of Psychology: Empirical Assessment of Progress in Indian Research. International Journal of Psychology, 28 (2), 149-169.

Lunt, I. (1992) Educational psychology: the European dimension. Newsletter of the British Psychological Society, Scottish Division of Educational Psychology, 1, 1-6.

Lunt, I. (1998). Psychology in Europe: Developments, Challenges, and Opportunities. European Psychologist, 3(2), 93-103.

Lunt, I. & Poortinga, Y. H. (1996) Internationalizing Psychology. The Case of Europe. American Psychologist, 51 (5), 504-508.

Rosenzweig, M. R. (Ed.) (1992). International Psychological Science. Progress, Problems, and Prospects. Washington, DC: American Psychological Association.

Sexton, V.S. & Hogan, J.D. (Eds.) (1992). International Psychology. Views from around the world. Lincoln & London: University of Nebraska Press.

Wilpert, B. (2000). Applied Psychology – past and future societal and scientific challenges. Applied Psychology, 26.


 
     
 
 
 
     
 
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