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Chat-Forum

 
     
   
Chat-Forum, Sammelbegriff für alle Netzforen, in denen computervermittelte Kommunikation per Chat (Chatten) stattfindet. Technisch kann dies im Internet etwa über den IRC-Dienst (Internet Relay Chat) in sogenannten Chat-Channels oder im World-Wide Web in Chat-Rooms bzw. Chats realisiert werden. Im Unterschied zu den zeitversetzten Netzforen (v.a. Mailinglisten und Newsgroups), die stark themenbezogen sind, haben die meisten Chat-Foren rein geselligen Charakter. Man trifft sich in den Nachmittags-, Abend- und Nachtstunden, um zu plaudern, zu flirten und neue Kontakte zu knüpfen. Während in Mailinglisten und Newsgroups die Beteiligten typischerweise unter ihrem realen Namen und ihrer E-Mail-Adresse in Erscheinung treten, agieren sie in Chat-Foren nur unter selbstgewählten Spitznamen (Nicknames) und sind somit zunächst nicht identifizierbar. In Mailinglisten und Newsgroups ist der Eindruck, den eine Person durch ihre Posts vermittelt, vor allem durch die inhaltliche Qualität der themenbezogenen Beiträge geprägt (Einstellungen, Kompetenz). Demgegenüber macht man in Chat-Foren in erster Linie durch einen originellen Nickname, durch Witz, Freundlichkeit, Formulierungskunst und Schlagfertigkeit auf sich aufmerksam und erzeugt Sympathie.

Im Gegensatz zum Kennenlernen in Face-to-Face-Situationen, in denen körperliche Attraktivität ein zentraler Kontaktfilter ist, spielt diese beim Kennenlernen in Chat-Foren zunächst überhaupt keine Rolle. Zudem sind diverse aus dem äußerlichen Erscheinungsbild erschließbare soziodemografische Merkmale (z.B. Geschlecht, Alter, Schicht) in Chat-Foren ausgeblendet. Von optischer und sonstiger Verhaltenskontrolle befreit sind die bequem und unerkannt am häuslichen Rechner sitzenden Chatterinnen und Chatter deutlich entspannter und unbefangener als in anderen Kennenlern-Kontexten. Wer momentan oder längerfristig in schlechter physischer und/oder psychischer Verfassung ist, kann dennoch in Chat-Foren vergleichsweise leicht sympathisch, unbeschwert und begehrenswert erscheinen. Stigmatisierende Selbst-Aspekte, aber auch eher alltägliche Unpäßlichkeiten sind während des Chattens der interpersonalen - und damit auch der intrapersonalen - Wahrnehmung weitgehend entzogen (z.B. Übergewicht, Akne, Stottern, Erröten, Depressivität, Alkoholmißbrauch), was sehr entlastend erlebt wird und im Einzelfall sogar zu einer Art Online-Sucht führen kann. Da Sichtkontakt in Chat-Foren fehlt, müssen Wortbeiträge die eigene Anwesenheit markieren. Ausgiebige Begrüßungsrituale sind deswegen in Chat-Foren typisch, denn sie unterstützen das Einklinken in das im Forum laufende Gespräch.

Weit verbreitet ist der Vorwurf, der Austausch in Chat-Foren sei von Maskerade und Oberflächlichkeit geprägt und somit im Grunde eine nutzlose, wenn nicht sogar schädliche Kommunikationsform, die allenfalls Pseudo-Kontakte erzeugt. Empirisch ist diese kultur- und technikkritische Pauschalkritik deutlich zu relativieren. So entsteht der vielkritisierte Eindruck der völligen Belanglosigkeit angesichts endloser Begrüßungsfloskeln in erster Linie bei Neulingen, die im Forum niemanden kennen und nur kurz vorbeischauen. Wer dagegen in einem Chat-Forum Stammitglied (Regular) ist, Begrüßungsrituale nicht nur von außen beobachtet, sondern selbst Netzbekanntschaften erfreut willkommen heißt und sich mit ihnen zum privaten Chat hinter die Kulissen zurückzieht, erlebt einen belangvollen Austausch. Im Zuge einer verstärkten sozialen Integration in die im Chat-Forum ansässige virtuelle Gemeinschaft werden zunehmend mehr Selbst-Aspekte offenbart, andere Forumsmitglieder telefonisch und persönlich kontaktiert. Zudem organisieren viele Chat-Foren in regelmäßigen Abständen Parties. Wer sich hier beteiligen möchte, kann nicht täglich mit neuem Nickname und anderer fiktiver Selbstdarstellung auftauchen, sondern muß ein konsistentes Bild der eigenen Person abgeben, das in der Regel auch ein authentisches Bild ist. Bei wechselseitiger Sympathie kommt es nach dem Kennenlernen in einem Chat-Forum nicht selten sehr rasch zu einer hochemotionalisierten Netzbeziehung, die durch Intimität und Leidenschaft geprägt ist. Die wenigsten Menschen begnügen sich dann mit den belohnenden Netzkontakten. Vielmehr steht für die Beteiligten selbst bald die Frage im Zentrum, ob man einander auch richtig einschätzt und sich Face-to-Face ebenso gut verstehen würde. Zwischen Hoffnungen und Befürchtungen wird die virtuelle Beziehung dann schrittweise in eine reale Beziehung überführt, wobei jeder Medienwechsel (Fotoaustausch, Telefonat, Treffen) ein krisenanfälliger Realitätstest ist.

Spielerisch, experimentell und vielleicht auch maskenhaft sind eher flüchtige Netzkontakte, die nicht auf ein näheres Kennenlernen angelegt sind und bei denen die Optionen der computervermittelten Kommunikation gezielt für taktische Selbstdarstellung genutzt werden (z.B. idealisierte Beschreibung körperlicher Merkmale, um Partner für Cybersex zu finden). Aber auch wenn die Selbstdarstellung im Chat-Forum (z.B. hinsichtlich körperlicher Attribute, Geschlecht, Alter, Familienstand oder Beruf) deutlich von der in sonstigen Alltagskontexten gezeigten Selbstpräsentation abweicht, läßt sich dieser Umgang mit Online-Identitäten nicht pauschal als Täuschung oder Maskerade abtun. Denn es gibt Selbst-Aspekte, die in Face-to-Face-Situationen durch das äußere Erscheinungsbild quasi überdeckt werden (z.B. wenn Personen aufgrund ihres hohen oder geringen Alters als asexuell eingestuft werden).

Die Vorstellung, daß Menschen die technisch gewährleistete Anonymität in Chat-Foren in erster Linie ausnutzen, um beliebige Schein-Identitäten zu simulieren, geht nicht nur empirisch am Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer vorbei, sie ist auch motivationspsychologisch schwer zu plausibilisieren. Daß es durch selektive Selbstpräsentation und projektionsintensive Personenwahrnehmung im Chat-Kontext zu Eindrücken und Attraktionen kommt, die in Face-to-Face-Situationen zwischen denselben Personen so nicht zustandekämen, ist im übrigen ein Thema, das die Beteiligten selbst intensiv reflektieren und diskutieren. Offensichtlich fallen sie nicht einfach passiv und naiv einer medialen Schein-Welt zum Opfer. Systematische Studien über die psychologischen Bedingungen konstruktiver wie problematischer Aneignungsformen von Chat-Foren liegen bislang kaum vor.
 
     
 
 
 
     
 
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