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Duales Prozeßmodell

 
     
   
auch: Parallel-Response-Modell. Leventhal (1970) formulierte das Parallel-Response-Modell zunächst als Alternative zu den Fear-Drive-Modellen und erweiterte es in nachfolgenden Arbeiten zu einem umfassenden Selbstregulationsmodell. Die grundlegende Annahme ist, daß das krankheitsbezogene Erleben und Verhalten determiniert wird durch kognitive Repräsentationen (mentale Modelle) der Krankheiten oder Gesundheitsrisiken. Im Gegensatz zu den klassischen Fear-Drive-Modellen nimmt dieses Modell an, daß Risiko- oder Krankheitsinformationen zwei verschiedene Prozesse stimulieren .

Zum einen wird die Gefahrenkontrolle (danger control) angeregt, die die kognitive Repräsentation der objektiven Bedrohung umfaßt und darauf abzielt, Möglichkeiten zur Reduktion der Bedrohung zu finden, auszuführen und zu evaluieren. Neben diesem funktionalen Problemlöseprozeß wird ein Furchtkontrollprozeß (fear control) stimuliert, der die Repräsentation und Bewältigung (Coping) negativer emotionaler Zustände umfaßt. Diese beiden Prozesse werden als überwiegend unabhängig voneinander verstanden, d. h. sie laufen parallel ab, ohne daß sie miteinander in Konflikt geraten. Ferner postuliert Leventhal drei qualitativ verschiedene Stufen (stages) für beide Prozesse.

1) Die erste Stufe, die "Repräsentation" (representation stage), umfaßt die Interpretation und Definition der objektiven Bedrohung und deren Begleitemotionen. Die kognitive Repräsentation der objektiven Bedrohung besteht in der Regel aus fünf verschiedenen Komponenten oder Attributen. Das erste Attribut ist die "Identität" (identity). Die Symptome (z. B. Halsschmerzen, Schnupfen) stellen das konkrete, erfahrungsgebundene und das Krankheitsetikett (z. B. Erkältung) das abstrakte Element der Krankheitsidentität dar. Wenn nur ein Element der Identität vorliegt, so versuchen Menschen automatisch, dies durch das andere zu vervollständigen. Dieses Phänomen wurde von Leventhal als "Symmetrieregel" (symmetry rule) bezeichnet. Das zweite Attribut ist die Dauer (time line; duration), die drei verschiedene Ausprägungen annehmen kann: akut, zyklisch und chronisch. Das akute Modell wird von Laien bevorzugt angewendet. In diesem Fall wird angenommen, daß die gesundheitliche Beeinträchtigung lediglich kurzfristiger Natur ist und durch entsprechende Maßnahmen eine Heilung herbeigeführt werden kann. Das typische Beispiel für diese Kategorie ist die Erkältung. Demgegenüber wird bei einem zyklischen Modell davon ausgegangen, daß die Krankheit immer wiederkehren kann, so daß erneut eine Behandlung notwendig ist. Nicht selten wird eine Hypertonie von Nichtmedizinern als eine akute oder zyklische Erkrankung verstanden, was negative Folgen für die Compliance haben kann. So werden die Medikamente seltener oder unregelmäßiger eingenommen und die Behandlung häufiger abgebrochen, wenn die Betroffenen ein akutes oder zyklisches Zeitmodell im Vergleich zu einem chronischen vorziehen. Chronische Krankheitsmodelle zeichnen sich hingegen durch ihre unbegrenzte Zeitdauer aus, wobei die Erkrankung durchaus therapierbar sein kann, aber eine Heilung nicht möglich ist. Die dritte Komponente sind die antizipierten Konsequenzen (consequences), die unterteilt werden können in physische, soziale und ökonomische. Ferner stellen die angenommenen Ursachen (cause) und die perzipierte Heilbarkeit bzw. Kontrollierbarkeit (cure, controllability) weitere Komponenten dar.

2) Die zweite Stufe besteht aus der Entwicklung und Ausführung von Bewältigungsverhalten (coping procedures), die als "planning and coping stage" bezeichnet wird. Auch die kognitiven Repräsentationen der Bewältigungsmöglichkeiten zeichnen sich durch die fünf Attribute aus. Im Gegensatz zu anderen Copingansätzen nimmt Leventhal an, daß nicht entweder emotionales oder problemorientiertes Bewältigungsverhalten gezeigt wird, sondern daß beide parallel initiiert und ausgeführt werden. Beispielsweise kann eine Personen angesichts der Mitteilung, daß ihr Blutdruck deutlich zu hoch ist, den Schweregrad einer Hypertonie subjektiv minimieren, indem sie annimmt, daß ein erhöhter Blutdruck meist ohne ernsthafte Folgen bleibt (Furchtkontrolle) und gleichzeitig den Vorsatz bilden, ihr Gewicht zu reduzieren und sich in eine antihypertensive Therapie zu begeben (Gefahrenkontrolle).

3) Daran anschließend folgt die dritte Stufe, die "appraisal stage", die die Bewertung der Effektivität des Bewältigungsverhaltens zum Ziel hat und als Feedback für die beiden vorangegangen Stufen genutzt wird. Der Ablauf der drei Phasen wird damit als rekursiv verstanden.

Leventhal nimmt damit im Gegensatz zu den Vertretern der Fear-Drive-Modelle an, daß nicht die subjektiv empfundene Angst die zentrale vermittelnde Größe zwischen Angstappell und Einstellungsänderung ist, sondern daß diese nur ein Hinweisreiz (cue) ist, der die Aufmerksamkeit auf die Gefahr lenkt und innerhalb kürzester Zeit wieder verschwindet. Im Gegensatz dazu ist die kognitive Repräsentation der Bedrohung relativ zeitstabil. Entsprechend nimmt er an, daß die Furchtkontrolle nur ein kurzfristiger Prozeß ist, während die Gefahrenkontrolle langfristiger angelegt ist. Um eine effektive Gefahrenkontrolle als Reaktion auf Furchtappelle zu unterstützen, sind spezifische Instruktionen zur Umsetzung der Empfehlungen notwendig. Diese Annahme konnte auch in empirischen Untersuchungen bestätigt werden. Die angenommen Prozesse der Furchtkontrolle bzw. Gefahrenkontrolle wurden allerdings bisher empirisch nicht untersucht, sondern stellen vielmehr heuristische Konzepte dar. Konflikte zwischen beiden Prozessen treten theoretisch dann auf, wenn mit der Gefahrenkontrolle nicht auch gleichzeitig eine Reduktion der objektiven Bedrohung einhergeht. Dieses Problem stellt sich beispielsweise bei Gesundheitsscreenings, die zwar einen wichtigen diagnostischen Schritt darstellen können, aber im Falle einer positiven Diagnose (Brustkrebs, Diabetes etc.) zu einer Bedrohungserhöhung führen.

Problematisch ist, daß nicht spezifiziert wird, wann und in welchem Ausmaß Gefahren- und Angstkontrollprozeß konfligieren. Einige Forscher sehen sogar das Modell als empirisch nicht falsifizierbar an, da durch die unpräzise Formulierung der Konstrukte und deren Verbindung im Prinzip jede Form von Reaktion auf Angstappelle vorhergesagt werden kann. Dennoch hat das Parallel-Response-Modell einen wichtigen Beitrag zur Theoriebildung geleistet und ist nach wie vor von heuristischem Wert. Insbesondere der Grundgedanke, daß nicht die ausgelösten negativen Emotionen die vermittelnde Größe sind, sondern vielmehr die kognitive Repräsentation der Bedrohung, prägte die weitere Theoriebildung bis zum heutigen Zeitpunkt. Entsprechend wird protektives Handeln nicht mehr als ein Versuch verstanden, Angst zu reduzieren, sondern als gezielte Bemühung, die antizipierte Gefahr zu mindern.

Literatur

Leventhal, H., Benyamini, Y., Brownlee, S., Diefenbach, M., Leventhal, E. A., Patrik-Miller, L. & Robitaille, C. (1997). Illness representations: Theoretical foundations. In K. J. Petrie & J. A. Weinman (Eds.), Perceptions of health and illness (pp. 19-46). Amsterdam: Harwood Academic Publishers.

Leventhal, H. (1970). Findings and theory in the study of fear communications. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in experimental social psychology (vol.3, pp. 119-186). New York: Academic Press.
 
     
 
 
 
     
 
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