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Gemüt

 
     
   
ein Wort von unterschiedlichem Gehalt. Man bezeichnet so allgemein das Gefühlsleben zum Unterschied von der Verstandestätigkeit. Dann wieder beschränkt man den Begriff auf ganz bestimmte Charaktereigenschaften, Neigungen und Fähigkeiten. Im Vordergrund stehen dabei die Beziehungen zu den Mitmenschen, die Fähigkeit zur Gemeinschaft, die tätige Liebe, das Mitgefühl (Empathie) und das Mitleid, die Hilfsbereitschaft, die Uneigennützigkeit (Altruismus), die Zärtlichkeit. Auch das »Gemüt« in diesem Sinne steht in einem gewissen Gegensatz zum kritischen Verstand. Es ist der Neigung zum Glauben benachbart. Statt der Unterschiede wird die Harmonie gesucht, und Widrigkeiten begegnet man gern mit »Humor«. Der pyknische (rundwüchsige) Typ wirkt eher gemüthaft als der leptosome (schlankwüchsige). Genie, die höchste schöpferische Begabung, die sich vom Talent durch einen »göttlichen Funken« zu unterscheiden scheint. Das Genie zeichnet sich dadurch aus, daß es ganz neue Wege geht. Es scheint an keine Regeln gebunden zu sein. Deswegen wirken genialisch manchmal auch Menschen, die den Regeln spotten, ohne eine schöpferische Leistung zu erbringen. Das Genie steht geradeso außerhalb der Norm wie der Verrückte oder der Verbrecher. Sokrates war gewiß nicht das einzige Genie, das tatsächlich als Verbrecher hingerichtet wurde. Bei Napoleon schwanken wir noch immer, ob wir ihn als Genie bewundern oder als Verbrecher verurteilen sollen. Alexander der Große erscheint in der Darstellung des Plutarch als Musterbeispiel des Wahnkranken (Paranoia). Viele Genies haben ihr Leben in offenkundigem Wahnsinn beendet: Hölderlin, Nietzsche, Van Gogh, Maupassant. Auch bei anderen lassen sich die krankhaften Züge nicht übersehen: Dostojewski, Edgar Allan Poe, Swift. Mit den Beziehungen zwischen »Genie und Irrsinn« beschäftigte sich als erster Wissenschaftler der italienische Psychiater Cesare Lombroso (t 1836), der andererseits eine Typologie des Verbrechers entwarf. Der Deutsche Wilhelm Lange-Eichbaum (t 1949) nahm seine Gedanken auf und erweiterte sie durch den Maßstab des Ruhmes. Er sah im Ruhm ein »Numinosem«, eine Art Charisma, dank dessen ein Mensch erst als Genie anerkannt wird, manchmal auch dann, wenn seine Leistung diese Auszeichnung nicht verdient. Lombroso wie Lange-Eichbaum sind dem Erbgut nachgegangen, auf das sie die Entwicklung zwischen Genie und Irrsinn zurückführen wollten. Wir kennen zwar einzelne Fälle, in denen sich hohe Begabung vererbte, aber auch andere, in denen das Genie völlig aus seiner Ahnenreihe herauszufallen scheint. Wahrscheinlich kommen dann aus den verschiedenen Herkunftsfamilien gewisse Eigenschaften zusammen, von denen keine besonders auffiel, und die erst in einer einmaligen Mischung das Genie ermöglichen. Doch diese Anlage macht noch nicht das Genie. Neben einem Mozart, der schon als kleines Kind sein Genie offenbarte, gibt es andere große Schöpfer, die erst relativ spät die Aufgabe fanden, an der sich ihr Genie entfaltete. Die geniale Einsicht eines Einstein war erst zu seiner Zeit möglich; weder Newton noch gar Archimedes hätte sie fassen können, und zu ihrer Zeit hätte sie auch niemand verstanden. Nicht nur »Männer machen die Geschichte«, sondern zugleich macht die Geschichte erst diese Männer. Über die Psychologie des Genies läßt sich wenig sagen. Schon weil sie so selten sind und einander so wenig gleichen, entziehen sie sich einer systematischen Forschung. Nur eines läßt sich behaupten: daß sie besonders leicht Zugang zu ihren unbewußten Kräften finden. Hierin liegt wohl auch die Nähe des Genies zum Wahnkranken begründet, der sich von seinem Unbewußten überwältigen läßt. Hier wie dort scheint ein Dämon am Werke, wie eine fremde Macht, die aber im eigenen Unbewußten liegt. Dieser Zugang zum Unbewußten ist zugleich eine der Voraussetzungen für den Erwerb jener Strahlkraft, die man Charisma nennt, und die Lange-Eichbaum als »Ruhm« begriff. Die Seltenheit der Genies, die alles in allem eine wirkliche Leistung erbracht haben, oft für einen hohen Preis an Leiden, zeigt die Größe des menschlichen Dilemmas zwischen der Triebkraft des »Es« und der bewußten Kontrolle des »Ich«.Gesamtheit der Gefühlsvorgänge in einem Menschen; Gefühlsan-sprechbarkeit.
 
     
 
 
 
     
 
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