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Psychologielexikon

Überarbeitete Ausgabe

Psychologielexikon

Gruppe

Autor
Autor:
Manuela Bartheim-Rixen

eine größere Zahl von Menschen, die irgendwie zusammengehören und sich gegenseitig beeinflussen, und sich zugleich durch ihre Gemeinsamkeiten von anderen Einzelnen oder Gruppen unterscheiden. Manche Gruppen bilden sich spontan, fallen aber bald wieder auseinander. Ihr vorübergehender Zusammenhalt gehorcht den Gesetzen der »Gruppendynamik«. Andere Gruppen halten länger zusammen, obwohl sie keine erkennbare Gliederung, ja nicht einmal ein klares Ziel haben. Man nennt sie deshalb »informell«. Hierher gehören die Horde und die Clique. Eine Bande setzt schon bestimmte Führungsstrukturen voraus. Am bedeutsamsten sind die kleinen, gewachsenen Gruppen, deren Mitglieder einander gut kennen. Die eigentliche »Primär-Gruppe« ist die Familie. Ähnliche Verhältnisse können sich in einer Gruppe entwickeln, deren Mitglieder von außen, gleichsam künstlich zueinander geführt worden sind, wenn sie einen großen Teil des Lebens miteinander verbringen. Das gilt für eine Schulklasse, deren Teilnehmer zueinander und zu den Lehrern oft ganz ähnliche Beziehungen haben, wie sie zwischen Geschwistern und zu den Eltern bestanden. Es gilt auch für eine kleinere Einheit von Soldaten, in der allerdings, wie in jedem Männerbund, die Geschlechter-Beziehung ausgespart bleibt. Weniger nahe ist das Verhältnis in Vereinigungen, in denen der Zweck der Gemeinschaft die Gefühlsbeziehungen offenkundig überwiegt. Zwar treffen sich in einem Verein mit begrenzten Zielen Menschen, deren gemeinsames Interesse (zum Beispiel an einem Steckenpferd) zum Teil auf ähnliche Charakterentwicklungen zurückgeht. Aber man verbringt doch nur wenige Stunden miteinander, vertraut sich persönliche Nöte kaum an. Ständig gehen Mitglieder ab oder gesellen sich neue dazu. Dennoch kann sich in einer kleineren Vereinsgruppe ein recht starker Zusammenhalt entwickeln. Eine Gruppe kann in mancher Beziehung mehr leisten als mehrere Einzelne nebeneinander. Das zeigt sich am deutlichsten in Arbeitsgemeinschaften, »Teams«. Solche Gruppenbildungen wurden von der Betriebspsychologie untersucht und gefördert. Im Team kann das Interesse an der gemeinsamen Leistung im Wettbewerb mit anderen Arbeitsgruppen die Entfremdung im modernen Industrieprozeß zum Teil überwinden und ein Gefühl der Kameradschaft wecken. Als »Sekundär-Gruppen« bezeichnet man locker gefügte, größere Gemeinschaften, die den Kreis direkter, persönlicher Beziehungen überschreiten, wie Schichten, eine Berufsgruppe, die Bevölkerung einer Stadt, eine Nation, eine Religionsgemeinschaft. Auch sie müssen etwas gemeinsam haben, was jeder Einzelne benennen könnte, und sich dadurch von anderen Gruppen oder Außenseitern unterscheiden. Freud hat die Kirche und das Militär als Beispiele für »künstliche Massen« dargestellt und ihren Zusammenhalt auf die Wirkung eines Führers oder einer Idee zurückgeführt. Die Unterschiede zwischen einer Kirche und einer Sekte zeigen, daß der Zusammenhalt stärker wird, wenn eine Gruppe kleiner ist und sich durch markantere Besonderheiten auszeichnet. In allen größeren Gruppen, die längere Zeit zusammenhalten, bildet sich eine Art Rollen-Verteilung heraus. Manche werden zu Führern, andere nehmen begrenzte Funktionen wahr, einige werden trotz gewisser außenseiterischer Züge als Anreger geduldet, und manche müssen immer wieder einmal den Sündenbock spielen. Die Duldsamkeit ist größer in einer Gemeinschaft, der keiner entfliehen kann, so in einer Familie oder in einer von außen erzwungenen Vereinigung, etwa einer Schulklasse oder einem Soldaten-Verband. Hier zeigt sich, daß man auch noch mit Menschen nützlich zusammenleben kann, zu denen man sich freiwillig nicht gesellen würde. Die Führung ist oft geteilt. So wie es in einem primitiven Volksstamm neben dem »Häuptling«, der eine Jagd oder einen Krieg anführen mag, den »Medizinmann« gibt, der für die geistig-seelischen Bedürfnisse zuständig ist, so ist für den Zusammenhalt einer militärischen Einheit oft wichtiger als der »Hauptmann« als militärischer Führer der »Spieß« (Hauptfeldwebel), der als »Mutter der Kompanie« fungiert. In der politischen Führung steht hinter den »Machern« oft eine »graue Eminenz«, die die Pläne schmiedet. Die offenkundigen Machtverhältnisse in einer Gruppe sind nicht immer die, die ihren Zusammenhalt gewährleisten. Gerade in größeren, aber noch konkret überschaubaren Gruppen läßt sich die Abhängigkeit des Menschen von einer Gemeinschaft und sein widersprüchliches Verhältnis zu ihr klar erkennen. In einer solchen Gruppe gibt es eine Fülle von Beziehungen, die einander überkreuzen. Es entstehen Freundschaften oder Feindschaften, die den Zusammenhalt der Gemeinschaft gefährden. Die Führung weckt den Hang zum Gehorsam geradeso wie den zur Rebellion. Die Gruppe vereinheitlicht das Verhalten ihrer Mitglieder bis zur totalen Anpassung und zur leidenschaftlichen Feindschaft gegen jede Abweichung. Aber sie kann nicht leben und leisten, wenn in ihr nicht verschiedene Kräfte nebeneinander und am Ende ineinander wirken. Das Aufgehen in der Gruppe steht dem Stolz auf die Individualität im Wege. Dieses Problem hat Arthur Schopenhauer in seinem Gleichnis von den Stachelschweinen angesprochen, die sich im Winter aneinander-drängten, um nicht zu erfrieren, sich aber wieder voneinander entfernten, weil die Stacheln sie störten, »bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten«.Ansammlung mehrerer unterscheidbarer Teile; in der Psychologie Ansammlung von Menschen, die sich entweder persönlich «von Angesicht zu Angesicht» (face-to-face) kennen oder durch Gemeinsamkeiten in irgendeiner Form miteinander verbunden sind (Vereinsmitglieder, Angehörige einer Partei). Gruppen sind für den Menschen von entscheidender Bedeutung ; man unterscheidet dabei die erste Gruppe, die ein Mensch erfährt, als «Primärgruppe» (in unserer Gesellschaft meist die Familie) von den «Sekundärgruppen» des späteren Lebens: Schulklasse, Verein oder Arbeitsgruppe im Betrieb. Eine weitere Unterscheidung ist die zwischen formellen Gruppen, deren Zusammensetzung und Tätigkeit durch Vorschriften oder soziale Einrichtungen geregelt sind, und informellen Gruppen, die aufgrund persönlicher, gefühlshaf-ter Beziehungen entstehen.

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