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Verhaltensbiologie

 
     
   
“moderne Ethologie”, Ethologie im weiteren Sinne, Überbegriff für die Wissenschaft zur Erforschung tierlichen wie menschlichen Verhaltens unter Einbeziehung der durch fortschreitende Spezialisierung neu hinzukommenden Teilgebiete u. a.: Verhaltensphysiologie, Ethoendokrinologie, Neuroethologie, Verhaltensökologie, Soziobiologie, Humanethologie, Angewandte Ethologie, Lernethologie, Verhaltensontogenie, Verhaltenspharmakologie (Psychopharmakalogie, Pharmakopsychologie), Ethomedizin, Verhaltensgenetik und Verhaltensrhythmik. Im Vergleich zur klassischen Ethologie (Vergleichende Verhaltensforschung) wurde das Spektrum der Fragestellungen auf proximater und ultimater Ebene der Untersuchungsmethoden und der Anwendungsrichtungen wesentlich erweitert. Dabei wurden beispielsweise die theoretischen Konzepte zur Verhaltenssteuerung auf neuronaler Ebene teilweise bestätigt, modifiziert und z. T. ad acta gelegt; die Vorstellung einer Akkumulation reizspezifischer Energie oder die hierarchische Organisation von Motivationszentren erwies sich als falsch und wich statt dessen modernen Modellvorstellungen wie der Kontrollsystemtheorie. Verhaltensforscher interessieren sich dafür, a) was ein Verhalten physiologisch verursacht, b) in welcher Weise es zur Eignung beiträgt, d.h. welchen selektionistischen Vorteil es dem Merkmalsträger als Anpassung einbringt, und wie es sich im Laufe der c) Stammesgeschichte und wie im Laufe der d) Individualgeschichte entwickelt hat. Die Hauptmethode der Verhaltensbiologie ist das quantitative Beobachten und Registrieren des Verhaltens in der natürlichen Umgebung sowie in menschlicher Obhut unter unbeeinflußten und experimentellen Bedingungen. Neben dem typischen artspezifischen Verhalten sind die Individualität, die Anpassung an vom Menschen beeinflußten Umweltbedingungen und Verhaltensstörungen von zunehmendem Interesse.

Die Verhaltensbiologie des Menschen (Humanethologie) hat sich von der Tierethologie aufgrund methodisch-theoretischer Besonderheiten ihrer Fragestellungen abgetrennt und sich interdisziplinär in Richtung Psychologie, Psychiatrie und Anthropologie ausgerichtet. Seit Ende der 60er/Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts beschäftigt sich ein Teilgebiet der Humanethologie, die Kinderethologie, mit dem Verhalten von Kindern in Kindergruppen. Untersuchungsfragen zielen auf Gruppengröße, Interaktionsdauer, die Rolle von Objekten, sozialen Strategien, (Spiel-)Partnerpräferenzen, Konflikten, Objekttransfer, Selbstdarstellung, Freundschaften und anderes mehr. Der kinderethologische Ansatz brachte neue Impulse in die Analyse von Verhaltensauffälligkeiten, in den transkulturellen Vergleich und in die Untersuchung von Sozialstrukturen. Manche Autoren fassen den Begriff Kinderethologie weiter als nur die Untersuchung von (Kindergarten-) Kindergruppen, nämlich als den Teil der Ethologie, der sich aus biologischer Sicht mit dem Verhalten von Kindern, auch Säuglingen, beschäftigt (Säuglingsforschung, Entwicklungspsychologie). Diese Verhaltensbiologie des Kindes wurde von B. Hassenstein begründet und erforscht die naturgegebenen Anteile kindlichen Verhaltens und deren Bedeutung für die Entwicklung der Persönlichkeit. Methodisch-empirisch steht die kulturenvergleichende und unbeeinflußte Verhaltensbeobachtung und Beschreibung im Vordergrund (Universalien). Bei der Ontogenese werden Aspekte des "inneren Entwicklungsplanes" (z.B. Reifungsschritte, prägeähnliches Lernen, Internalisationen und Lerndispositionen) fokussiert, bei den Ursachen-Wirkungsbeziehungen der Funktionsabläufe die unterschiedlichen Komplexitätsebenen (z. B. chemische, physiologische, psychische, soziale Ebene). In der humanethologischen Forschung werden die untersuchten Kulturen so ausgewählt, daß auf Grund der großen kulturhistorischen Distanzen Tradition als Ursache für Ähnlichkeiten auszuschließen ist. Gegenstand von Untersuchungen sind unter anderem die menschlichen Gefühle (Emotion), ihr Ausdruck beim Sender und Eindruck beim Empfänger (Mimik), geschlechtstypische Unterschiede und sozial attraktives Verhalten. Die Verhaltensbiologie des Menschen hat im Bereich der Kommunikationsforschung (Nähe- und Distanzregulation, Mimik, Gestik und Körperhaltung) sowie bei Entwicklungsprozessen der Kindheit (Mutter-Kind-Bindung, Fremdeln, Spielen, aggressives Verhalten und entwicklungsbedingte Verhaltensauffälligkeiten) wesentliche und neue Erkenntnisse gebracht. Das durch die Vergleichende Verhaltensforschung und die Verhaltensbiologie vermittelte Wissen ist moralisch wertfrei. Die Diskussion der vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten bedarf moralischer Bewertungen und des Pluralismus, um Mißbrauch zu vermeiden.

Literatur

Eibl-Eibesfeldt, I. (1997). Die Biologie menschlichen Verhaltens. Grundriss der Humanethologie. München: Piper.

Hassenstein, B. (2001). Verhaltensbiologie des Kindes. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Lorenz, K. (1973). Die Rückseite des Spiegels. München: Piper.

McFarland, D. (1999). Biologie des Verhaltens. Evolution, Physiologie, Psychobiologie. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.


 
     
 
 
 
     
 
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