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Penis-Neid

 
     
   
nach psychoanalytischer Auffassung das Gefühl der Unterlegenheit, das beim kleinen Mädchen entsteht, wenn es den Penis des Knaben entdeckt und ihn mit der eigenen, so viel kleineren Klitoris vergleicht. Dieser Eindruck des Mangels ist dadurch mitbedingt, daß sich das auffälligste weibliche Geschlechtsmerkmal, die Brüste, zu dieser Zeit noch nicht entwickelt hat. Die wichtigsten weiblichen Geschlechtsorgane, Vagina und Uterus, sind noch nicht entdeckt, ihre Funktionen werden noch nicht verstanden. So kommt sich das Mädchen benachteiligt vor. Diese Enttäuschung wirkt bei zahllosen Frauen ein Leben lang unbewußt nach, auch wenn sie bewußt längst die Einsicht gewonnen haben, daß es sich um eine Andersartigkeit und nicht um eine Minderwertigkeit handelt. Zu dem Gefühl der Zurücksetzung trägt in einer patriarchalischen Gesellschaft der traditionelle Vorrang des Mannes wesentlich bei. Denn bereits in der Kindheit werden dem Knaben meist mehr Freiheiten eingeräumt und mehr Gelegenheiten geboten, oder er wird als »Stammhalter« wichtiger genommen. Aber der Penis ist zugleich ein Zeichen der größeren Aktivität und Aggression, die dem Manne bei seinen Sexualfunktionen von Natur aus zugeteilt sind. So stellt der Penis-Neid eine Reaktion auf die größere weibliche Passivität dar. Der weibliche Penis-Neid entspricht dem männlichen Kastrationskomplex. Aber während der Knabe seine Kastration fürchtet, kann das kleine Mädchen glauben, daß es schon kastriert sei. Da der weibliche Penis-Mangel den Knaben an die Kastrationsdrohung erinnert, glaubt er vom Mädchen, »der Wiwimacher wird noch wachsen«. Auch Mädchen glauben, daß sie noch einen >richtigen< Penis bekommen könnten. Ein recht typisches Zeichen für diese Situation ist der Versuch vieler kleiner Mädchen, wie ein Junge im Stehen zu urinieren, der dann mit der Beschämung über die peinlichen Folgen endet. Bei der kindlichen Sexualforschung am eigenen Körper, der Suche nach Quellen der Lust, stößt das Mädchen auf die Klitoris als empfänglichste erogene Zone. In der phallischen Phase der Entwicklung steht für das Mädchen die Klitoris gerade so im Mittelpunkt wie für den Knaben der Penis. Freud sah es als Problem der Reifung an, daß sich die Sexualität der Frau von der Klitoris als einem verkleinerten Gegenstück des Penis auf die Scheide als Organ der Vereinigung verlagere, auch wenn im Kitzler die Erregung entsteht, die dann weitergeleitet wird, »etwa wie ein Span Kienholz dazu benützt werden kann, das härtere Brennholz in Brand zu setzen«. Die Folgen des Penis-Neides sind je nach Anlage, familiärer Umwelt und früher Erfahrung sehr unterschiedlich. Manche Mädchen empfinden ihre Sexualausstattung als so minderwertig, daß ihnen die Sexualität selbst minderwertig vorkommt. Daraus ergeben sich Prüderie und Frigi dität oder ein Verhalten, durch das die Sexualität tatsächlich erniedrigt wird, etwa als Promiskuität, Prostitution und Perversion. Andere wollen trotz des Mangels noch »männlich« werden, verachten die Kleidung und Haltung, die als »weiblich« gelten, suchen ihre Befriedigung in »männlichen« Berufen oder sonst einer Konkurrenz mit dem Manne und wollen auch in sexueller Beziehung eine männliche Rolle spielen. In der Welt der weiblichen Homosexualität fallen solche »Männinnen« besonders auf, aber weder sind alle Lesbierinnen männisch, noch sind alle amazonenhaften Frauen lesbisch. In den meisten Fällen wendet sich das kleine Mädchen nach der Entdeckung des weiblichen Penis-Mangels von der Mutter ab, die nun auch minderwertig erscheint, und dem Vater zu (Elektra-Komplex). Später wird diese Beziehung auf das Verhältnis zu einem anderen Manne übertragen. In der Geschlechtsvereinigung wird die Frau des Penis habhaft; am Ende kann sie mit einem Sohn einen Penis-Besitzer gebären. Der weibliche Kastrationskomplex wiegt auf seine Weise gerade so schwer wie der des Mannes. Für beide Geschlechter liegt das Problem vor allem darin, daß es sich um Eindrücke aus frühester Kindheit handelt, aus einer Zeit also, in der die Realität noch nicht erkennbar und verständlich war. Diese Erfahrungen konnten nicht verarbeitet werden; so wurden sie verdrängt. Im Unbewußten bleiben sie trotz aller späteren Einsichten unverändert. Unbewußt und deshalb unkontrollierbar wirken sie weiter. Erst wenn man der alten Komplexe gewahr wird, kann man sie im Verhältnis zur Wirklichkeit richtigstellen, sich von der kindlichen Auffassung lösen, sich seinen Beziehungen im Erwachsenen-Leben zuwenden. Das heißt für den Penis-Neid, daß die Frau ihn überwindet, indem sie ihr Anderssein bejaht und darin die Ergänzung zur Beschaffenheit des Mannes sieht. Denn keines der beiden Geschlechter wäre denkbar ohne das andere.
 
     
 
 
 
     
 
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