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Politikverdrossenheit

 
     
   
auch: politische Apathie, politisches Desinteresse, umgangssprachlicher Begriff für ein System von Einstellungen, das durch Mißtrauen, Unzufriedenheit, Ablehnung und Interesselosigkeit gegenüber dem politischen System gekennzeichnet ist – Gegenpol des politischen Interesses und der politischen Unterstützung für das Staats- und Regierungssystem. Sie äußert sich in sinkender Wahlbeteiligung, nachlassender Parteienbindung, fehlendem Nachwuchs für die Parteien und dem Rückgang politischer Partizipation. Es lassen sich zwei Formen unterscheiden – analog zu spezifischer und diffuser politischer Unterstützung: a) Politiker- und Parteienverdrossenheit als Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik einerseits und b) Politik- oder Staatsverdrossenheit als generelle Unzufriedenheit mit dem politischen System und den demokratischen Institutionen andererseits.

Politikverdrossenheit ist ein Thema mit langer Tradition: Die karikaturistische Figur des schlafmützigen “Deutschen Michel” wurde bereits im 16. Jahrhundert geschaffen, um das deutsche Volk politisch wachzurütteln. Die autoritätshörige Mentalität des “Untertan” (Romantitel von Heinrich Mann, 1918) wurde zum literarischen und sozialwissenschaftlichen Thema des 20. Jahrhunderts, gerade auch angesichts des vielfach unpolitischen Mitläufertums in der “Deutschland-Erwache”-Ära. Politisches Desinteresse ist seit etwa 1950 ein Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung. In den 90er Jahren wurde es nach zwei Jahrzehnten verstärkter politischer Partizipation in Form von politisch indifferenten Einstellungen und über sinkende Wahlbeteiligungen deutlich sichtbar sowie über ein Nachlassen des politischen Engagements, das selbst bei ehemals aktiven Mitgliedern der Friedens- und Umweltbewegung zu beobachten ist.

Obwohl Politikverdrossenheit in der öffentlichen Diskussion (Öffentliche Meinung) als ein erst kürzlich entstandenes Phänomen erscheint, hat die wissenschaftliche Erforschung der Hintergründe und Determinanten politischer Apathie eine lange Tradition. So beschrieb Schelsky (1957) “Die skeptische Generation” im Nachkriegsdeutschland, die nach einer katastrophal endenden Phase der Autoritätshörigkeit eine skeptische Distanz zur Politik entwickelte. Rosenberg (1954) führte politische Indifferenz und Apathie in den USA auf drei Ursachenkomplexe zurück: bedrohliche Konsequenzen politischer Aktivität, Nutzlosigkeit politischer Aktivität und fehlender Ansporn zur Partizipation. Srole (1956) griff den von Emile Durkheim geprägten Begriff der Anomie als einen Zustand der Gesetz- und Normlosigkeit einer Gesellschaft auf und stellte ihm das Konzept der Anomia als Einstellung von Individuen gegenüber. Unter den Begriff der politischen Entfremdung subsumierte Seeman (1959) Gefühle der Machtlosigkeit, der Bedeutungslosigkeit, der Normenlosigkeit, der Isolierung und Selbstentfremdung. Habermas (1969) unterschied bei deutschen Studierenden zwei Typen von Politikdistanz, die ”Irrational Distanzierten” und die ”Unpolitischen” oder ”Politisch Indifferenten”. Politischer Zynismus als eine Extremvariante der politischen Apathie wurde von Jennings und Niemi (1968) als ein grundlegendes Mißtrauen gegenüber den Motiven und Aktionen politischer Autoritäten diskutiert, welches insbesondere durch politische Skandale intensiviert werden kann. Politikverdrossenheit steht im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und sozioökonomischen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Schichtzugehörigkeit und Bildungsniveau. Als individuelle Determinanten werden Persönlichkeitseigenschaften, wie die autoritäre Persönlichkeit, machiavellistische Orientierungen, Kontrollüberzeugungen und Attribuierungstendenzen (Attribution) sowie situations- und handlungsspezifische Erwartungen diskutiert. Von Bedeutung sind weiterhin die Konzepte der sozialen Kompetenz und der sozialen Motivation, da politisches Handeln immer im Kontext einer Gemeinschaft erfolgt. Die individuellen Merkmale werden während eines lebenslangen Lern- und Erfahrungsprozesses – der politischen Sozialisation – entwickelt bzw. weiterentwickelt. Als bedeutsamer Sozialisationsagent in der Kindheit kommt vor allem die Familie in Betracht, deren Einflüsse spätere politische Orientierungen in Form von allgemeinen Prädispositionen vorstrukturieren können.

Politische Unzufriedenheit ist offenbar unabhängig von politischer Partizipation, die deutlich mit dem Selbstkonzept der eigenen politischen Fähigkeit (Selbstwirksamkeit) korreliert. Durch Kombination von Unzufriedenheit und Politikdistanz mit Partizipationsbereitschaft lassen sich vier Typen konstituieren (Janas & Preiser, 1999): 1) Wenig Engagierte mit hoher politischer Unzufriedenheit (“Resignierte”), 2) wenig Engagierte mit hoher politischer Zufriedenheit (“apathisch Zufriedene”), 3) Engagierte mit hoher politischer Unzufriedenheit und eher unkonventioneller Partizipation (“Revolutionäre”) und 4) loyale und systemkonforme Engagierte mit geringer politischer Unzufriedenheit (“Funktionäre”).

Literatur

Janas, S. & Preiser, S. (1999). Politikverdrossenheit bei jungen Erwachsenen. In H. Moser (Hrsg.), Sozialisation und Identitäten – Politische Kultur im Umbruch? Sonderheft SH/99 der Zeitschrift für Politische Psychologie (S. 93-119). Bonn: Deutscher Psychologen Verlag.


 
     
 
 
 
     
 
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