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Liebeswahl

 
     
   
wird von so vielen und so unterschiedlichen Umständen bestimmt, daß sich einheitliche Gesetze nicht angeben lassen. Zunächst engen Volkszugehörigkeit, soziale Herkunft, Bildungsniveau, Interessenkreis und manchmal das Berufsmilieu die Wahlmöglichkeiten ein. Im allgemeinen liegt die Endogamie, die Wahl Liebeswahl 228 229 Literatur im engen Lebenskreis, näher als die Exogamie, die Partnersuche in der Ferne, die ja ein Verlassen des heimatlichen Milieus voraussetzt und viel größere Forderungen an die Anpassungsfähigkeit stellt. Die Wahl des Mannes scheint weitgehend durch den äußeren Typ geleitet zu sein, wie er durch Haarfarbe, Gesichtsschnitt und Figur charakterisiert wird. Aber auch das Temperament, auffallende Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen bestimmen die Sympathie. Doch spielt hier neben einer individuellen Wahl oft das Vorbild der Mode eine wichtige Rolle. Ein sehr prägnantes Beispiel dafür gab der soziologisch orientierte Psychoanalytiker Ernest Borneman mit dem Fall eines Mannes, »der laut verkündet, daß große, schlanke Frauen sein Typ seien«, weil das dem Schönheitsideal seines Lebenskreises entspricht, und der sich doch »immer wieder in kleine, rundliche Mädchen verliebt«, weil »seine Lieblingstante, die ihm in der Kindheit all das gewährt hat, was ihm die Mutter abgeschlagen hatte, klein und rundlich war«. Hier siegte also über das bewußte Wahlmotiv eine unbewußte Fixierung. Sehr oft könnte ein Mensch kaum sagen, warum er gerade den einen Partner gewählt hat. Dann ist meist wie hier eine Übertragung im Spiel: das heißt, es werden Liebeserfahrungen mit bedeutungsvollen Personen der Kindheit in die Erwartungen hineingetragen, die bei der Begegnung mit einem irgendwie ähnlichen Men schen geweckt werden. Diese Ähnlichkeit mag in einem kleinen Zug liegen, in dem sich die Erinnerung an das Vorbild wie zum Symbol verdichtet hat. Die Art der Augen, die Form der Hand, die Fülle des Busens, die an das Vorbild erinnert, leitet die Wahl wie ein Fetisch. Oft ist es aber auch eine Kombination von Eigenschaften und Verhaltensweisen, die dem Vorbild einer Kindheitserfahrung entspricht, dem Imago, vor allem der Mutter oder des Vaters, der Schwester oder des Bruders. Solche unbewußten Wahlmotive hängen ihrer Bedeutung nach weitgehend von einer gleichsam grundsätzlichen Entscheidung ab, die aber ebenfalls unbewußt getroffen worden ist und meist unbewußt bleibt. Auf der einen Seite steht die Wahl nach dem »Anlehnungstyp« : das heißt, es wird ein Partner gesucht, von dem man sich Pflege, Schutz und Führung verspricht. So wählen die meisten Frauen, auch viele Männer, und für beide Geschlechter ist dabei der Schutz des gegengeschlechtlichen Elternteils vorbildlich. Die Entscheidung kann aber ebenso dem »narzißtischen Typ« folgen: es wird ein Partner gesucht, dessen Wesen irgendwie dem eigenen ähnelt, oder der etwas an sich hat, was man gern selbst sein möchte. Hierher gehört auch die Wahlentscheidung jener Menschen, vor allem jener Männer, die einen Partner suchen, den sie nach dem vorgefaßten Bilde modeln könnten, die also dem Muster des Pygmalion folgen. Meist geht die aktive Wahl vom Manne aus. Die Wahl der Frau beschränkt sich dann darauf, sich Männern von der Art angenehm zu machen, die sie beim Partner vorziehen würden, und der Annäherung bestimmter Männer ermutigend entgegenzukommen. Doch kann in einer solchen Liebesbereitschaft eine so starke Anziehungskraft liegen, daß der Mann das Gefühl hat, mit der Bevorzugung eher gewählt worden zu sein als selbst gewählt zu haben. In manchen Begegnungen entsteht auf beiden Seiten der Eindruck, im Partner die genaue Entsprechung gefunden zu haben. Das wird in dem Mythos ausgedrückt, die Menschen seien ursprünglich zweigeschlechtliche Geschöpfe gewesen, die in Hälften auseinandergeschnitten worden seien, die fortan einander suchen müßten. An eine Liebeswahl im engeren Sinne, die allein den sexuellen und gefühlsmäßigen Bedürfnissen folgen kann, werden andere Maßstäbe angelegt als an eine Ehewahl, für die Fragen der Alltagssicherung und auch der Gedanke an gemeinsame Kinder mitentscheidend werden. Doch auch für diesen Unterschied sind die bewußten Überlegungen weniger wichtig als die unbewußten Motive. Die Ehewahl wird meist entscheidend nach dem Muster getroffen, das für den Mann die Mutter, für die Frau der Vater gesetzt hat. Damit wird ein Teil der Hemmungen mitübernommen, die im Verhältnis des Kindes zum gegengeschlechtlichen Elternteil ent wickelt worden sind. Zugleich richtet sich die sexuelle Begierde eher auf Personen, deren Art dem Eltern-Imago widerspricht, etwa indem sie keine Achtung erfordern. Wie sehr jede Objektwahl von unbewußten Motiven gelenkt wird, zeigt sich am deutlichsten bei der »Liebe auf den ersten Blick«, die so oft völlig unerklärlich zu sein scheint. Gerade sie ist nämlich fast immer die Übertragung einer kindlichen Liebeserfahrung auf einen neuen Partner im Erwachsenenleben. Literatur, das Schrifttum, ist die Form der Mitteilung, die am weitesten von einem unmittelbar sinnlichen Eindruck entfernt ist. Die Sage, das Märchen, das Volkslied sind lange nur mündlich weitergegeben worden, und ihre Wirkung hing damals gewiß stark von dem Erzähler oder Sänger ab. Sehr eng war damit auch die Beziehung zur Musik, wie noch heute Gedichte oft vertont werden. Auch die Mimik des Erzählers spielte eine Rolle, und die dramatische Literatur ist noch heute mindestens in der Vorstellung an die Verkörperung auf dem Theater gebunden. In der mündlichen Überlieferung blieb die »Literatur« noch unmittelbar lebendig; sie veränderte sich ständig, und an ihrer Gestaltung nahmen unzählige Unbekannte teil. Nur mit der Schrift läßt sich der Text eines bestimmten Urhebers festlegen. Eine breitere Wirkung konnte das Schrifttum erst seit der Erfindung des Buchdrucks entfalten. Aber das geschriebene oder gedruckte Wort muß erst in einem intellektuellen Prozeß in Vorstellung umgesetzt werden, ehe es eine Wirkung auslöst. Anders als das, was wir hören oder als Bild sehen, existieren die Dinge, von denen wir lesen, letztlich nur in unserer Phantasie. Die Phantasie wird zwar von den Worten in bestimmte Bahnen gelenkt, aber in ihren Einzelheiten wird sie vom Leser geformt. Zugleich spricht im schriftlich festgelegten Text ein bestimmter Autor zu uns. Auch ein Schriftsteller, über dessen Leben und Charakter wir nichts wissen, wie etwa Shakespeare, offenbart sich in seinen Werken, vielleicht über Jahrhunderte hinweg, als Person. In den Themen, die er gewählt hat, und in den Figuren, die er uns vorstellt, spiegeln sich seine Erfahrungen, seine Wünsche und Ängste. In seinem Stil, seiner Sprache verraten sich Temperament und der typische Wechsel seiner Stimmungen. All dies gestaltet er, weil er es »loswerden« will, wie jeder von uns manchmal sagen muß, was ihn zutiefst beschäftigt. Seine Produktion ist eine Katharsis. Soweit er von seinen äußeren und inneren Erfahrungen berichtet, will er sie nicht nur wie Nachrichten mitteilen; er will, daß wir seine Gefühle mit ihm teilen. Er will uns also zu einer ähnlichen Erregung mitreißen, wie er sie empfunden hat, sodaß wir seine eigene seelische Reinigung nachvollziehen. Das gelingt ihm nur, wenn seine Vorstellungen und Empfindungen etwas ansprechen, was im Leser bereitliegt und nur noch geweckt zu werden braucht. Seine gestalteten Phantasien sind wie Träume, die beinahe jedermann träumen könnte. Insofern ähneln sie wieder den Sagen und Mythen, die als typische Menschheitsträume aufzufassen sind. Viele Dichter haben Figuren der Sage auf ihre eigene Weise neu geformt, so Homer den Odysseus, Euripides den Oedipus, Goethe den Faust. Andere haben Gestalten der Geschichte so umgemodelt, daß wir sie fast nur noch mit ihren Augen sehen können, so Schiller oder Shaw die Heilige Johanna; damit haben sie sie aus der realen Welt in den Bereich der Vorstellung überführt. Wieder anderen ist es gelungen, Menschenbilder eigener Erfindung so zu formen, daß sie seither wie Gestalten der Sage oder wie gute alte Bekannte wirken: so >Don JuanDon QuichoteWertherPeer Gynt< und noch >Lolita
 
     
 
 
 
     
 
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