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Konversion

 
     
   
»Umwandlung«, »Umkehr«. Freud verstand das Umschlagen seelischer Konflikte in die Symptome einer körperlichen Krankheit als Konversion. Seine Vorstellung, die sich auf die Hysterie bezog, half später zum Verständnis der psychosomatischen Krankheiten. Meist bedeutet »Konversion« die Bekehrung zu einem religiösen Glauben oder sonst einer Weltanschauung. Der Grundvorgang ist immer derselbe, unabhängig davon, welche Auffassung abgelegt und welche angenommen worden ist. Stets hat es ein Erlebnis gegeben, das die Selbstsicherheit erschüttert und die Beziehung zu den Mitmenschen infrage gestellt hat. Das weckt Angst, in deren Hintergrund das Gefühl des Versagens und auch der eigenen Schuld daran liegt. Nun erwartet man statt Liebe und Glück nur Verlassenheit und Bestrafung. Da stößt man auf das Angebot eines Glaubens, dessen Annahme alle Zweifel zu löschen verspricht, und auf eine Glaubensgemeinschaft, die jeden in Liebe einschließen würde, der sich zu ihr bekennt. Der Umschlag aus Verzweiflung und Einsamkeit in Überzeugung und Liebesannahme ist so heftig, als wäre man ein »neuer Mensch« geworden. Damit sind dann alle früheren Sünden ausgelöscht. Diesen. Vorgang nutzen Erweckungsprediger und politische Demagogen planmäßig oder intuitiv aus. Der Versuch religiöser Massenbekehrung beginnt immer mit der Beschwörung der Sünden und der drohenden Strafe. Erst dann wird die Seligkeit gepriesen, die den Bekehrten erwartet. Die Glaubensgemeinschaft, der man beitreten soll, wird als Gemeinschaft von Auserwählten hingestellt. Selbst die Prüfungen, denen man als Mitglied dieser Gemeinde ausgesetzt sein mag, werden als Beweise der Überlegenheit über die Ungläubigen angeführt. Die Bekehrung soll ebenso das Selbstgefühl stärken wie neue Liebesbindungen bieten. Auch wird man zum Kampf gegen Andersgläubige aufgerufen, so daß sich ein Ventil für Aggressionen öffnet. Anstelle der Gottesvorstellung, die ein Sektenprediger entwickelt, tritt in der politischen Demagogie die Idee oder der neue Führer, an die Stelle der religiösen Gemeinde die Partei, an die Stelle der Teufel die Feindgruppe –die Andern. Von der Bekehrung in diesem Sinne unterscheidet sich die »Gehirnwäsche« nur dadurch, daß sie gröbere Mittel anwendet. Die Verlassenheit wird unmittelbar körperlich spürbar gemacht durch Entzug von Nahrung und Schlaf, durch Mißhandlung, durch völlige Isolation. Dann werden erste Vergünstigungen und Liebeserweise angeboten, gleichsam als Proben für die Erlösung, die nach vollendeter Bekehrung winkt. Aber die Hand, die da gibt, wird alsbald wieder zurückgezogen, und nach den ersten Zeichen einer Annahme wirkt die neue Verstoßung doppelt grausam. So werden allmählich alle bisherigen Erfahrungen und Bindungen »aus dem Gehirn gewaschen«, das nun die neuen Lehren und Bindungen aufnehmen kann. Am Ende ist der Bekehrte selig, daß er seine alten Überzeugungen ablegen »darf«. George Orwell hat in »1984« dieses Glück nach dem Leiden in der Gehirnwäsche eindrücklich beschrieben. Die Versammlungen amerikanischer Erweckungsprediger nennt man »Revivals«. Hier geht es darum, einen Glauben, der in der Gewohnheit seine Kraft und Verbindlichkeit verloren hat, wiederzubeleben. Bei jeder Massenbekehrung spielt eine entscheidende Rolle das Vorbild der ersten, die sich zu dem neuen oder wiedererweckten Glauben bekennen. Je mehr sich um den Bekehrenden scharen, desto überzeugender wirkt die Lehre. Aus diesem Zusammenhang stammt der Ausdruck »Band-Waggon-Effekt«, den die amerikanische Soziolo gie geprägt hat. »Auf den Band-Waggon springen« bedeutet, sich einer offensichtlich erfolgreichen Sache rechtzeitig anschließen. Gemeint ist eigentlich der Musikwagen, den Sektenprediger mit sich führen, und in dem sich zugleich die Bekehrten in die Mitgliederliste eintragen können. Man könnte einfacher von einem »Mitläufer«-Effekt sprechen, wie er sich auch in der Meinungsforschung auswirkt. Wenn die Ergebnisse einer Meinungsumfrage veröffentlicht worden sind, schließt sich ein Teil der Minderheit den Auffassungen der Mehrheit an, wie sich dann in einer neuen Umfrage erweist. Auch das ist eine »Bekehrung«, die zeigt, wie stark das Bedürfnis ist, Mitglied einer starken Gruppe und Anhänger eines sieghaften Glaubens zu sein.Umwandlung eines seelischen Konflikts in ein körperliches Symptom, wobei vor allem der Affekt des Konflikts (wie ein nicht zulässiger Sexualwunsch) körperlich gebunden wird. Eine Frau wird blind, sobald sie von einer Untreue ihres Mannes erfährt. Eine organische, also körperliche Ursache der Blindheit läßt sich nicht nachweisen. Zugleich mit der Blindheit hat die Frau ihre Fassung wiedergewonnen, sie spricht mit eindrucksvoller Gleichgültigkeit von ihrem Leiden, das den Mann nun weit mehr an sie bindet, und von den lächerlichen Gerüchten über seinen Seitensprung. Die durch Konversion entstandenen Krankheitszeichen haben oft symbolische Bedeutung; im vorliegenden Fall die eines Nicht-sehen-Wollens. Das gilt aber keineswegs für alle seelisch bedingten Körperkrankheiten (Psychosomatik). Die Konversion tritt bei Hysterie besonders häufig auf und setzt wahrscheinlich eine spezielle Disposition voraus.
 
     
 
 
 
     
 
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