A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
 
 

 

 

 

 

Interkulturelle Psychologie

 
     
   
Entwicklungslinien

Seit Beginn der modernen naturwissenschaftlich orientierten Psychologie hat es immer wieder Forscher gegeben, die sich der kulturellen Bedingtheit psychischer Prozesse und deren Erforschung bewußt gewesen sind. Dazu gehört an erster Stelle W. Wundt (1913), aber durchaus auch S. Freud, C. G. Jung sowie M. Lazarus und H. Steinthal (1882) und W. Hellpach. Alle diese Autoren beschäftigten sich unter dem Schlüsselbegriff Völkerpsychologie mit Überlegungen, die, zurückgehend auf Johann Gottfried Herder (1784), in dem Walten des "Volksgeistes" eine schöpferische und vereinigende Quelle der historischen Entwicklung verschiedener Völker vermuteten. Die Völkerpsychologie kann durchaus als ein Vorläufer der gegenwärtigen Kulturpsychologie betrachtet werden, da sie schon relativ früh die Defizite einer am naturwissenschaftlichen Ideal ausgerichteten wissenschaftlichen Psychologie aufzuweisen versucht hat, obwohl es ihr selbst nicht gelungen ist, den von ihr gestellten Ansprüchen gerecht zu werden. Sie hat sich gegenüber anderen Kulturen nicht geöffnet, sondern sich mit ihnen lediglich in theoretisch spekulativer Weise auseinandergesetzt und blieb dabei weitgehend der europäischen Denktradition verhaftet, einschließlich der damit verbundenen Überlegenheitsattitüde. An kulturspezifischen Fragen interessierte Psychologen haben bislang zwei unterschiedliche Forschungskonzepte ausgebildet, die mit den Begriffen "Kulturvergleichende Psychologie" und "Kulturpsychologie" bezeichnet werden können (Thomas, 1993). In jüngster Zeit kommt die Interkulturelle Psychologie als Drittes hinzu.



Definition und Gegenstand

Wenn man "Psychologie" allgemein definiert als die Wissenschaft, die sich mit den seelischen Grundlagen, Verlaufsprozessen und Wirkungen menschlichen Verhaltens und Erlebens befaßt, dann kann "Interkulturelle Psychologie" definiert werden als ein spezifischer Teilaspekt der Psychologie, der sich mit der Analyse psychischer Bedingungen, Verlaufsprozesse und Wirkungen menschlichen Erlebens und Verhaltens in Sonder- und Grenzsituationen befaßt, die dadurch gekennzeichnet sind, daß Menschen aus verschiedenen Kulturen einander begegnen, bedeutsam füreinander werden, miteinander kommunizieren und evtl. sogar miteinander kooperieren. Für die psychologische Forschung werden dabei relevant die Analyse der verhaltens- und erlebnissteuernden psychologischen Prozesse, wie die gegenseitige Wahrnehmung, die Informationsverarbeitung, diverse Bewertungs- und Urteilsprozesse (Urteile), Attributionen, Emotionen sowie Handlungen in ihren jeweils kulturspezifischen Ausprägungsformen, Verlaufsformen und situations- und personbestimmenden Resultaten. Für die mehr anwendungspsychologische Forschung und die psychologische Praxis sind in diesem Zusammenhang bedeutsam: die Entwicklung von Verfahren zur Erfassung, Veränderung und Qualifizierung von Prozessen der interkulturellen Wahrnehmung, des interkulturellen Lernens, des interkulturellen Verstehens und der interkulturellen Handlungskompetenz (Thomas, 1996; Landis & Bhaghat, 1996). Die interkulturelle Psychologie in Forschung und Praxis ist eng verbunden mit der in der Tradition der deutschen Psychologie seit den bahnbrechenden völkerpsychologischen Studien von Wundt, Lazarus und Steinthal, Hellpach u.a. sowie der viel stärker der angloamerikanisch-psychologischen Forschungstradition verbundenen Kulturvergleichenden Psychologie (cross-cultural psychology), wie sie im Handbook of cross-cultural psychology (Berry, 1997) dokumentiert ist.



Interkulturelle Begegnungen und Erfahrungen

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurde Sir Robert Hart, Generaldirektor des chinesischen Zolldienstes, der über 40 Jahre in China gelebt und gearbeitet hatte, gefragt, ob er aus seinen reichhaltigen Erfahrungen Neulingen in China etwas zum Verständnis dieses Landes und seiner Menschen vermitteln könnte. Er antwortete: "China ist wirklich ein schwer zu verstehendes Land. Vor ein paar Jahren glaubte ich, endlich so weit gekommen zu sein, etwas von seinen Angelegenheiten zu wissen, und ich suchte meine Ansichten darüber zu Papier zu bringen. Heute komme ich mir wieder wie ein vollkommener Neuling vor. Wenn ich jetzt aufgefordert würde, drei oder vier Seiten über China zu schreiben, würde ich nicht recht wissen, wie ich dies anfangen sollte. Nur eins habe ich gelernt. In meinem Vaterlande heißt es gewöhnlich: "Laß Dich nicht biegen, und wenn es dabei auch zum Bruche kommt!", in China dagegen gerade umgekehrt: "Laß Dich biegen, aber laß es nicht zum Bruche kommen!" (zitiert im Vorwort zum Buch von A.H. Smith "Chinesische Charakterzüge", Würzburg, 1900).

Zum Verständnis der interkulturellen Psychologie lassen sich aus dieser Aussage schon zwei wichtige Aspekte ableiten:

1) Mit der Dauer und der Intensität des Lebens und Arbeitens in einer fremden Kultur und zusammen mit Menschen, die eine andere kulturelle Sozialisation erfahren haben, steigt nicht automatisch der subjektive Eindruck, die Kultur und das Verhalten der ihr zugehörenden Menschen wirklich verstanden zu haben. Tatsächlich zeigen vielfältige Untersuchungen, daß die Dauer des Kulturkontaktes und die Qualität des Kulturverstehens nicht linear miteinander zusammenhängen bzw. daß die psychischen Probleme, die mit dem Einleben in eine fremde Kultur verbunden sind keineswegs linear mit der Dauer des Kulturkontaktes abnehmen, vielmehr sind in der Realität eher U- bzw. W-kurvenförmige Verlaufsprozesse zu beobachten (Akkulturationsstreß).

2) Aus den Schlußfolgerungen von Sir Robert Hart ist leicht zu erkennen, daß es aufgrund kultureller Unterschiede zu erheblichen Mißverständnissen und Kommunikationsproblemen zwischen Menschen kommen kann. So kann ein Mensch großen Wert darauf legen, ein festes System von Meinungen, Überzeugungen, Werten, Normen und Verhaltensregeln über sich, seine Mitmenschen und die Umwelt ausgebildet zu haben, er kann sich zudem zu bestimmten Werten, Normen und Verhaltensregeln als den einzig richtigen bekennen. Er ist stolz darauf, aufrichtig, gradlinig, ehrlich und zuverlässig diese seine Ansichten, Werte und Verhaltensüberzeugungen zu vertreten und ist womöglich unter keinen Umständen bereit, sich von anderen Menschen oder bestimmten situativen Gegebenheiten von all dem abbringen, also "verbiegen" zu lassen. Wenn er nun in einem Land wie China mit Menschen zusammentrifft, zusammenleben und zusammenarbeiten muß, in deren Kultur zwar auch Überzeugungen, Wertvorstellungen und Verhaltensregeln ausgebildet wurden, in der auch Aufrichtigkeit und Verläßlichkeit hoch bewertet werden, deren Kultur aber gerade der Herstellung, Stärkung und dem Erhalt einer harmonischen zwischenmenschlichen Beziehung, zumindest aber der Aufrechterhaltung eines gewissen Maßes an positivem interpersonalem Kontakt einen so hohen Wert beimißt, daß man dafür bereit sein muß, Kompromisse einzugehen, Veränderungen an den eigenen Überzeugungs- und Wertkonzepten vorzunehmen oder zumindest das Beharren auf ihnen zeitweise auszusetzen, dann wird es auf allen psychologischen Ebenen (Denken, Fühlen, Handeln) zu Problemen kommen.




Kritische Interaktionssituationen und ihre Konsequenzen

Das verfügbare Handlungsrepertoire und sein flexibler Einsatz reichen in erstaunlich vielen Fällen aus, die Begegnung zwischen kulturell fremden Personen für beide Seiten befriedigend und erfolgreich zu organisieren. In einigen Fällen werden zwar unerwartete und unverständliche Abweichungen vom Erwarteten beobachtet und mit Verwunderung, evtl. auch Ablehnung, registriert, aber sie sind für den Handlungsverlauf relativ unwichtig. Manchmal bemerken die Partner kulturelle Divergenzen in ihren Interaktionsbeziehungen schon allein aus Unwissenheit, Naivität, Überforderung etc. überhaupt nicht. Es gibt aber eine nicht unerhebliche Zahl von Fällen, und diese nehmen mit der Bedeutung der Begegnung und der Komplexität des Interaktionsgeschehens extrem zu, in denen sich die Begegnung zu einer "kritischen Interaktionssituation" entwickelt. Kritische Interaktionssituationen entstehen dann, wenn das Partnerverhalten den Erwartungen zuwiderläuft, wenn es als nicht richtig, zielführend und nutzlos erkannt bzw. interpretiert wird, wenn die Ursache in einem Fehlverhalten oder einer negativ bewerteten Eigenschaft des Partners gesehen wird, wenn die Reaktionen des Partners nicht mehr verstanden oder womöglich als aggressiv gemeintes Verhalten interpetiert werden und wenn so die Handlungsorientierung verloren zu gehen droht.

Die Reaktion auf solche kritischen Interaktionssituationen können von einer mehr reflektierenden und Interesse für das Fremde weckenden Aufmerksamkeit über resignatives Feststellen eigener Handlungsunfähigkeit bis hin zur tiefgehenden Verärgerung über den Partner mit einem unaufhaltsamen und endgültigen Abbruch der Beziehung reichen. Jeder, der gezwungen oder freiwillig in einer kulturellen Überschneidungssituation sich mit fremdkulturell sozialisierten Partnern beschäftigt, muß ein gewisses Maß an Bereitschaft zum interkulturellen Lernen zeigen. Er wird versuchen, die ihm fremden Reaktionsweisen des Partners zu verstehen, um sie antizipieren und in adäquater Form darauf reagieren zu können. Untersuchungen haben gezeigt, daß dieses Lernen aus der Erfahrungsbildung heraus ("Learning by doing") die interkulturelle Kommunikation und Kooperation erleichtert, man gewöhnt sich allmählich an die Fremde, erträgt manches Unvertraute und schwer zu Akzeptierende besser und lernt, sich auf die auch nach Jahren noch fremd erscheinenden und als unangenehm empfundenen Verhaltensweisen einzustellen. Ein wirkliches Verständnis für das fremdkulturelle Orientierungssystem, die funktionale Bedeutung des so andersartig erscheinenden Verhaltens kann auf diese Weise aber nur selten gewonnen werden. Dazu bedarf es des gezielten interkulturellen Trainings, das auf sorgfältigen psychologischen Untersuchungen der Binnenstruktur, der Funktionalität und der Handlungswirksamkeit der miteinander konfligierenden kulturspezifischen Orientierungssysteme beruhen muß. Es hat sich gezeigt, daß eine zielgruppenspezifische Vorbereitung die Bewältigung der aus der interkulturellen Kommunikation und Kooperation entstehenden Wahrnehmungs-, Verstehens- und Handlungsprobleme (z.B. Vorbereitung auf einen Jugend-, Schüler- und Studentenaustausch, ein Auslandsstudium, eine berufsbedingte Auslandsentsendung) erleichtert (Reduktion der Akkulturationsbelastung), das produktive interkulturelle Lernen steigert, zum vertieften interkulturellen Verstehen beiträgt, die Entwicklung einer interkulturellen Handlungskompetenz fördert und schließlich zu einer positiven Bilanz der Auslandserfahrung auf emotionaler und kognitiver Ebene führt.

Literatur

Berry, J.W. (1997). Handbook of cross-cultural psychology. Boston: Allyn and Bacon.

Landis, D. & Bhagat, R.S. (Ed.). (1996). Handbook of intercultural training (2nd Edition). London: Sage.

Lazarus, M. & Steinthal, H. (Hrsg.). (1882). Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft.

Thomas, A. (Hrsg.). (1993). Kulturvergleichende Psychologie - Eine Einführung. Göttingen: Hogrefe.

Thomas, A. (Hrsg.). (1996). Psychologie interkulturellen Handelns. Göttingen: Hogrefe.

Wundt, W. (1913). Elemente der Völkerpsychologie - Grundlinien einer psychologischen Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Leipzig: Kröner.


 
     
 
 
 
     
 
<< vorhergehender Begriff
nächster Begriff >>
interkulturelle Kooperation
interkulturelle Wahrnehmung
 
     
     
 

 

 
     

 

   
  Weitere Begriffe : Haab-Reflex | Double-bind-Verhöre | control beliefs
PSYCHOLOGY48 | ÜBERBLICK | THEMEN | DAS PROJEKT | SUCHE | RECHTLICHE HINWEISE | IMPRESSUM
Copyright © 2017 All rights reserved. Psychologielexikon