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Kulturpsychologie

 
     
   




Kulturbegriff und kulturbezogenes Denken in der Psychologie

Der Begriff"Kultur", im 17. Jhd. aus dem lateinischen "cultura" entlehnt, wurde von Anfang an sowohl für die Bodenbewirtschaftung als auch für die Pflege geistiger Güter verwendet. Aus der zweiten Bedeutung entwickelte sich ein Kulturbegriff, der die Gesamtheit geistiger, künstlerischer und humanitärer Errungenschaften sowie die alltagskulturelle Praxis einer ethnisch, geographisch und/oder historisch abgrenzbaren menschlichen Gemeinschaft umfaßt. Um partielle Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb einer Kultur zu kennzeichnen, spricht man von Subkulturen (z.B. von verschiedenen Jugendkulturen). Ob dieser traditionelle Kulturbegriff im Sinne relativ klar voneinander abgrenzbarer (Sub-) Kulturen angesichts der verschiedenen Milieus, in denen Menschen sich heute gleichzeitig bewegen, noch greift, wird u.a. in der Soziologie diskutiert und insbesondere von Vertretern der Postmoderne bestritten.

In der wissenschaftlichen Psychologie ist weitgehend unbestritten, daß nicht nur die Formen menschlichen Zusammenlebens kulturell bestimmt sind, sondern auch individuelles Fühlen, Denken, Wollen und Handeln kulturellen Einflüssen unterliegen. Insofern hat kulturbezogenes Denken in alle traditionellen Teilgebiete der Psychologie Eingang gefunden. Allerdings unterscheiden sich die Forschungsprogramme, die sich dieser Thematik explizit widmen, in der Art der theoretischen Konzeptualisierung der kulturellen Bedingtheit menschlichen Erlebens und Handelns und in den methodologischen Ansätzen.

Die kulturvergleichende Psychologie geht von einem traditionellen Kulturbegriff aus. Sie konzipiert "Kultur" als eine mögliche verhaltensbeeinflussende Variable und untersucht vergleichend, wie sich bestimmte Erlebens- und Verhaltensweisen, Einstellungen und Werthaltungen, soziale Beziehungen u.a. unter verschiedenen kulturellen Rahmenbedingungen darstellen. Im einfachsten Fall werden Menschen, die sich in Alter, Bildung, Geschlecht oder anderen relevanten Variablen gleichen, aber verschiedenen ethnischen Gruppen angehören und/oder in verschiedenen geographischen Weltregionen leben, hinsichtlich des interessierenden Verhaltens miteinander verglichen. Das Verdienst solcher Studien liegt in einer allgemeinen Sensibilisierung für die kulturelle Variationsbreite menschlicher Erlebnisweisen und Daseinsgestaltungen, insbesondere in Bereichen, die oft unhinterfragt als "natürlich" konzipiert werden. Ein anderes Anliegen kulturvergleichender Studien ist die Suche nach kulturinvarianten menschlichen Ausdrucksformen, um diese, unterstützt von sozio- und verhaltensbiologischen Sichtweisen, als mögliche anthropologische Konstanten ausweisen zu können (z.B. in der Emotionsforschung).

Kulturvergleichende Arbeiten der genannten Art sind allerdings mit einer Reihe von Problemen behaftet, die zu einer weitverzweigten theoretischen und methodologischen Diskussion in der Ethnologie, Kultursoziologie und Kulturpsychologie geführt haben. So ist man sich inzwischen weitgehend einig darüber, daß "Kulturen" nicht mehr einfach nach geographischen oder nationalen Gesichtspunkten unterschieden werden können; Versuche jedoch, Kriterien für die Einteilung von Kulturen zu begründen oder relevante kulturelle Bedingungsfaktoren zu isolieren, stoßen auf neue theoretische Probleme. Es ist auch fraglich, ob "Kultur" überhaupt den logischen Status einer unabhängigen Variablen haben kann, wenn man bedenkt, daß die psychologischen Konstrukte, hinsichtlich derer Menschen aus verschiedenen Kulturen miteinander verglichen werden sollen, selbst kulturell vermittelt sind. Dies gilt auch für Variablen wie Bildung und Schichtzugehörigkeit; selbst vermeintlich kulturunabhängige Variablen wie Alter und Geschlecht sind, wie wir heute wissen, immer schon kulturell interpretiert.

Die interkulturelle Psychologie befaßt sich mit psychologisch relevanten Prozessen und Problemen, die sich ergeben können, wenn Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen zusammentreffen, z.B. in internationalen Arbeitsgruppen und Geschäftsbeziehungen oder im Falle der Migration. Ein zentrales Anliegen der interkulturellen Psychologie ist die Identifikation und Analyse handlungsregulierender Kulturstandards.

Die Psychologie kultureller Erscheinungen widmet sich unter verschiedenen psychologischen Fragestellungen bestimmten Teilbereichen einer Kultur. Dazu gehören insbesondere die Kunstpsychologie, die Musikpsychologie und die Literaturpsychologie, aber auch die Religionspsychologie.

Die Kulturpsychologie schließlich versteht sich als eigenständige psychologische Disziplin (so z.B. Shweder 1990) oder als alternative Forschungsrichtung innerhalb der gesamten Psychologie, die im Prinzip alle psychischen Phänomene und menschlichen Hervorbringungen als kulturell verfaßt konzeptualisiert (so z.B. Jahoda 1992). "Kultur" wird dabei nicht wie in der kulturvergleichenden Psychologie als "Einflußvariable" aufgefaßt, sondern als genuiner Bestandteil jeglicher psychologisch relevanter menschlicher Äußerungen. Die verschiedenen kulturpsychologischen Richtungen gehen von einem Kulturbegriff aus, der zusammenfassend charakterisiert werden kann als Zeichen-, Wissens-, Regel- und Symbolsystem, das einerseits als kulturspezifisches Fundament den Handlungsraum von Menschen strukturiert, andererseits aber selbst im Vollzug der Handlungs- und Lebenspraxis (re-) konstruiert und verändert wird (vgl. Straub 1998).



Richtungen kulturpsychologischen Denkens

Die Kulturpsychologie, die sich seit einigen Jahrzehnten in Europa und den USA (neu) zu etablieren versucht, gründet auf verschiedenen Denktraditionen. Sie kann u.a. als Weiterentwicklung der kulturvergleichenden Psychologie (Jahoda, Eckensberger), der Handlungspsychologie (Boesch, Werbik), der Tiefen- und Gestaltpsychologie (Salber), der ökologischen Psychologie und der Semiotik (Lang) oder der Sprach- und Kognitionspsychologie (Bruner) aufgefaßt werden, um nur einige prominente Vertreter zu nennen. Darüber hinaus weist kulturpsychologisches Denken eine eigenständige europäische Tradition auf, die bis ins 18. Jhd. zurückreicht. Exemplarisch für diese Tradition, die bisher am umfassendsten von Jahoda (1992) aufgearbeitet worden ist, seien hier nur Johann Gottfried Herders Sprach- und Geschichtsphilosophie, Karl Philipp Moritz’ Erfahrungsseelenkunde, Wilhelm von Humboldts Sprachphilosophie und Wilhelm Wundts Völkerpsychologie erwähnt.

Heute zeichnet sich die Kulturpsychologie durch eine Vielfalt an theoretischen Positionen und interdisziplinären Bezügen aus, die bislang noch kaum zusammenfassend reflektiert worden sind. Zwei wichtige theoretische Ansätze, die in mehrere Konzeptionen Eingang gefunden haben, sollen hier stellvertretend genannt werden: der handlungstheoretisch-symbolische Ansatz von Ernst E. Boesch (1991) und der narrativ-sprachpsychologische Ansatz von Jerome Bruner (1997).



Handlung als zentrale Analyseeinheit

In Boeschs Konzeption, die u.a. auf der Feldtheorie von Kurt Lewin und auf der Handlungstheorie von Pierre Janet aufbaut, ist die menschliche Handlung als dynamisches Bindeglied zwischen Individuum und Kultur die zentrale Analyseeinheit. Kultur wird von Boesch als "Handlungsfeld" verstanden, das die dinglichen und geistigen Hervorbringungen des Menschen und seine Institutionen umfaßt, das die Möglichkeiten und Grenzen von Handlungen absteckt und das umgekehrt durch menschliches Handeln geformt und verändert wird. Kultur ist somit sowohl als Struktur als auch als Prozeß zu verstehen. Konkrete Handlungen stehen für das Individuum in Beziehung zu verschiedenen "Handlungsbereichen" und Zielsystemen; sie sind "polyvalent" und haben nicht nur einen sachlich-instrumentalen Charakter, sondern immer auch symbolische Gehalte, die über den aktuellen Handlungsinhalt hinausreichen. Die Symbolqualität jeder einzelnen Handlung verleiht den Dingen, mit denen wir umgehen, und damit den Handlungen selbst erst einen Sinn innerhalb des individuellen Handlungssystems und innerhalb des kulturellen Bedeutungssystems. Damit erfüllt die Symbolik der Handlung eine integrative Funktion.



Erzählung als zentrale Analyseeinheit

Auch Bruner, ehemals Protagonist der "kognitiven Wende", geht davon aus, daß wir den Menschen in seiner Alltagspraxis nur verstehen können, wenn wir verstehen, welchen Sinn er mit seinen Handlungen verbindet. Sinn und Bedeutung bildet der Mensch im Kontext historisch gewachsener und sozial geteilter Symbolsysteme aus, wobei für Bruner als wichtigstes Symbolsystem die Sprache und als wichtigste Form sprachlich vermittelter Bedeutungsgehalte die Erzählung im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Indem ein Kind über interaktive, sprachlich begleitete Handlungsformate seine Muttersprache erwirbt, erwirbt es zugleich die Bedeutungssysteme der Kultur, in die es hineingeboren wird und die es später selbst mitprägt (vgl. Bruners Spracherwerbstheorie). Für die Ausbildung, Tradierung, Neu- und Umgestaltung von Bedeutungssystemen in bestimmten historischen und kulturellen Kontexten spielen Erzählungen deshalb eine wichtige Rolle, weil Menschen nach Bruner von Anfang an dazu disponiert sind, ihre Erfahrungen in Geschichten zu verwandeln. Erzählungen organisieren die Struktur menschlicher Erfahrungen und stiften einen Sinnzusammenhang zwischen einzelnen Ereignissen über die Zeit hinweg.



Menschenbild und methodologische Begründung der Kulturpsychologie

Kulturpsychologie läßt sich auf der Basis der beiden beschriebenen Denkansätze auch methodologisch begründen. Ausgangspunkt ist ein Bild vom Menschen als sozial situiertes reflexives Subjekt, das seinem Denken, Fühlen, Tun und Lassen sowie den Widerfahrnissen des Lebens Sinn und Bedeutung verleiht, das sich Ziele setzt und weiterreichende Lebensorientierungen verfolgt. Psychologische Forschungsprogramme, die von einem solchen Subjektmodell des Menschen ausgehen, kommen kaum umhin, die kulturell tradierten und sprachlich-symbolisch vermittelten Bedeutungssysteme, die als soziokulturelle Kontexte mit den untersuchten psychischen Prozessen verknüpft sind, in die Analyse einzubeziehen. Hierfür reichen standardisierte, am nomologischen Programm der traditionellen Psychologie orientierte Methoden nicht aus, weil Sinn- und Bedeutungsstrukturen weder "objektiv" beobacht- und meßbar, noch über standardisierte Fragebögen einfach abfragbar sind. Erforderlich ist hingegen ein je nach Fragestellung variierendes breiteres Methodenspektrum, wobei das Primat den qualitativen Methoden, d.h. interpretativen, kontextsensitiven Erhebungs- und Auswertungsverfahren, zukommt. Beispiele hierfür sind die teilnehmende Beobachtung, das narrative Interview, die Gruppendiskussion, die Analyseverfahren der "grounded theory" nach Glaser und Strauss, aber auch Metaphernanalysen, Dokumentenanalysen etc.

Eine solchermaßen begründete Kulturpsychologie erfordert eine interdisziplinäre theoretische Sensibilisierung, wobei - je nach Themenfeld - als Bezugswissenschaften insbesondere die Ethnologie bzw. Kulturanthropologie, die Philosophie, die Soziologie, die Geschichtswissenschaften und die kognitive Linguistik von Bedeutung sind. Weitere wichtige theoretisch-methodologische Bezüge innerhalb und außerhalb der Psychologie stellen die Ethnomethodologie, der symbolische Interaktionismus, der Sozialkonstruktivismus, die ökologische Psychologie, die narrative Psychologie, die Biographieforschung, die Tiefenpsychologie sowie die Handlungspsychologie (Handlung) dar.



Forschungsperspektiven

Die Kulturpsychologie tritt in nahezu allen aktuellen Varianten mit einem emanzipatorischen Anspruch auf. Sie kann diesen Anspruch dort einlösen, wo sie einen Beitrag zum Selbst- und Fremdverstehen des Menschen in seinen sinnhaften Lebensbezügen leistet und dabei sowohl die Geschichtlichkeit und Kulturalität menschlichen Erlebens und Handelns als auch die Spielräume der Interpretation und Neukonstruktion durch das Individuum aufzeigt. Damit zeigen kulturpsychologische Forschungen, welche Bandbreite menschlicher Erlebens- und Handlungsformen unter bestimmten biographischen und soziokulturellen Bedingungen auffindbar und denkbar ist. Sie tun dies nicht in Form ahistorischer gesetzesförmiger Aussagen, sondern z.B. in Form von kontextbezogenen Typologien, die Muster spezifischer Bedingungskonstellationen und der mit diesen verbundenen Handlungs- und Deutungsmuster darstellen. Empirisch kann dies jeweils nur an konkreten Fragestellungen illustriert werden. Die derzeit zum großen Teil nur verstreut vorliegenden empirischen Arbeiten deutlicher als bisher thematisch zu bündeln und aufeinander zu beziehen, ist ein wichtiges Forschungsdesiderat. Hinsichtlich der theoretischen Schwerpunktsetzungen unterscheiden sich die verschiedenen kulturpsychologischen Richtungen trotz gewisser gemeinsamer Grundhaltungen nicht unerheblich voneinander. Dies muß nicht als Nachteil gesehen werden; vielmehr wäre es kaum zu begründen, die Vielgestaltigkeit menschlicher Daseinsweisen aus nur einer theoretischen Perspektive untersuchen zu wollen. Der gelegentlich erhobenen Forderung nach einer vereinheitlichenden Integration der verschiedenen Standpunkte ist aus dieser Sicht mit Skepsis zu begegnen.

Literatur

Boesch, E. E. (1991). Symbolic Action Theory and Cultural Psychology. Berlin: Springer.

Bruner, J. (1997). Sinn, Kultur und Ich-Identität. Zur Kulturpsychologie des Sinns. Heidelberg: Auer (Original: Acts of Meaning, Cambridge MA 1990)

Jahoda, G. (1992). Crossroads Between Culture and Mind. Continuities and Change in Theories of Human Nature. Hertfordshire: Harvester Wheatsheaf.

Shweder, R. A. (1990). Cultural Psychology - What is it? In J. W. Stigler, R. A. Shweder & G. Herdt (Hrsg.), Cultural Psychology. Essays on Comparative Human Development (S. 1-43). Cambridge: Cambridge Univ. Press.

Straub, J. (1998). Handlung, Interpretation, Kritik. Grundzüge einer interpretativen Handlungs- und Kulturpsychologie. Berlin: de Gruyter.


 
     
 
 
 
     
 
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