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Ich

 
     
   
der Einzelne in seinem Selbstverständnis dem Schicksal, der Umwelt und den Mitmenschen gegenüber. Andererseits erlebt jeder, daß er Dinge tut oder Gefühle hat, die ihm fremd vorkommen und die er sich nicht erklären kann. Er erfährt, daß ihn etwas mitbestimmt, was dem Bewußtsein des »Ich« nicht zugänglich ist. Er gerät in Lagen, in denen seine ganze Person weder seinem Willen noch einer Einsicht gehorcht. Er muß sich sagen: »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!« (Goethe) So wird unmittelbar deutlich, daß das »Ich« nur ein Teil unserer Seele ist. Im Laufe des Lebens können wir wahrnehmen, daß sich dieser Anteil der Art und Stärke nach verändert. Wir sehen Menschen um uns, die ein sehr starkes Ich haben, und andere, die überhaupt kaum als Persönlichkeit wirken. Wir können beobachten, wie Kinder erst sehr allmählich sich als »Ich« begreifen. Wir selbst ziehen uns jeden Tag aus dem Bewußtsein »Ich« in den Schlaf zurück. Noch auf vielerlei andere Weise suchen wir unser »Ich« loszuwerden: im Rausch, im Aufgehen in einer Gemeinschaft, in der Bindung an eine Religion oder Ideologie. Im Zustand der Verliebtheit fühlen wir uns eins mit dem Objekt unserer Liebe, wollen vollkommen mit ihm verschmelzen. Der Verlust des Ich endlich tritt in Formen psychischer Krankheit ein: in der Ohnmacht als einer vorübergehenden Störung, partiell in der Neurose, stärker in der Besessenheit, im Wahn, in der Psychose. So wird in der Tiefenpsychologie das Ich (Ego) als eine der drei Instanzen oder Bereiche der Seele aufgefaßt. Es steht dem »Es« gegenüber, der ursprünglichen Schicht des Triebhaften, aus der das Ich sich herausgebildet hat. Während das Es den körperlichen Bedürfnissen ganz nahe steht, hat das Ich über die Sinnesorgane Zugang zur Außenwelt. Das Es gehorcht dem Lustprinzip, das Ich hat die Realität zu bedenken. Das Ich verfügt über keine eigene Kraft; sie stammt aus dem Es. So muß das Ich der Libido, dem Lust-und Liebesverlangen des Es, entgegenkommen. Das Ich muß Mittel finden, durch die ein Bedürfnis, das sich gegen die Widerstände der Realität nicht ohne Schaden durchsetzen läßt, doch noch befriedigt werden kann. Die Befriedigung wird vielleicht auf einen späteren Zeitpunkt bezogen, oder das Ich hat günstigere Umstände geschaffen, oder sie wird auf eine Weise gesucht, die weniger gefährlich ist. Dann bietet das Ich dem Es gleichsam einen Ersatz, etwa als Sublimierung. Das Ich vermittelt aber nicht nur zwischen Es und Außenwelt, sondern hat auch noch die dritte Instanz, das Über-Ich zu bedenken. Das Über-Ich hat sich noch später entwickelt. Es bildete sich im wesentlichen nach den Vorbildern und Lehren der Eltern, vertritt die Gebote der Moral, entspricht insoweit dem Gewissen und setzt ein Ich-Ideal, eine Zielvorstellung, der das Ich entsprechen möchte. Dieses Über-Ich schränkt die Strebungen des Es noch weiter ein; manchmal stellt es ihm Forderungen, die unerfüllbar sind. Deshalb müßte das Ich auch das Über-Ich kontrollieren, seine Vorschriften manchmal abweisen, manchmal beschwichtigen. »Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Überichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß« (Freud). Diese Aufgabe kann das Ich nur mit Hilfe gewisser Abwehr-Mechanismen Teil Auswege, zum Teil aber eigentlich nur Ausflüchte sind. Das Es ist unbewußt, das Über-Ich reicht tief ins Unbewußte hinein; das Ich ist vorbewußt das heißt: bewußtseinsfähig. Es kann der Realität der Außenwelt wie der Wirklichkeit der Bedürfnisse (also dem Es) wie endlich auch den begründeten Ansprüchen der Moral (also dem Über-Ich) um so besser gerecht werden, je besser das Ich sie erkennt. So muß das Ich die Verdrängungen überwinden, die entstanden sind, weil einmal ein Konflikt nicht gelöst werden konnte. Das Ich muß über die Fixierungen hinwegkommen, die aus früheren Erfahrungen zurückgeblieben sind und der neuen Realität nicht mehr entsprechen. Statt den Trieben (dem Es) blindlings zu gehorchen, oder sich völlig der Umwelt-Moral (dem Über-Ich) zu unterwerfen, oder vor der Realität einfach zu kapitulieren, müßte das Ich entscheiden können, wann und wie weit Triebwünsche erfüllt werden, welche Gebote des Über-Ich Vorrang vor anderen Notwendigkeiten haben oder zurückgestellt werden müssen, und wie weit die Realität sich verändern läßt oder akzeptiert werden muß. Mit der Stärkung des Bewußtseins gewinnt auch das Ich an Stärke. Da das Ich keine eigene Kraft hat, muß es die Kraft des Es gewinnen. Es muß sich gleichsam vom Es geliebt fühlen. Diese Liebe gewinnt das Ich in dem Maße, in dem es das Es vor den Gefahren unbedachter Triebbefriedigung zwar schützt, dennoch aber die Triebbedürfnisse irgendwie stillt. Dafür wird das Ich sozusagen belohnt, indem ein großer Teil der Libido (der Liebe) ihm als Narzißmus zuströmt. Die Bewältigung der Lebensaufgaben und auch die liebevolle Zuwendung anderer Menschen würde nicht ausreichen, das Selbstbewußtsein zu nähren, das jeder von uns braucht, ohne eine liebevolle Übereinstimmung zwischen Es und Ich.Der Begriff entsteht zu einem Zeitpunkt der seelischen Entwicklung, an dem das Kind fähig wird, sich selbst als etwas zu erleben, das von anderen verschieden ist und eigene Bedürfnisse zu befriedigen sucht, die es sprachlich äußern lernt. In der Psychoanalyse wird der Ich-Begriff verwendet, um eine innere Instanz zu kennzeichnen, die im Dienste der Anpassung an die Außenwelt versucht, die triebhaften Wünsche des Es und die durch Identifizierung mit den Eltern aufgenommenen Ge- und Verbote des Über-Ich mit den tatsächlich bestehenden Lebensmöglichkeiten in Einklang zu bringen. Gegen die Triebansprüche und gegen manche Über-Ich-Verbote schützt sich das Ich durch die Abwehrmechanismen. Der wichtige Abwehrteil des Ich liegt somit im Unbewußten; Ich und Bewußtsein sind nach der Lehre der Psychoanalyse nicht dasselbe. Während Freud noch annahm, daß das Ich aus dem Es in der Art einer Rindenschicht hervorgeht, sprechen manche Psychoanalytiker heute von angeborenen, selbstbestimmenden (autonomen) Ich-Fähigkeiten, manche sogar von einer ursprünglich dem Ich dienenden Energie (Neugicraktivität), während Freud annahm, daß alle Ich-Energie den Trieben im Es abgerungen werden müsse.
 
     
 
 
 
     
 
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