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Umweltpsychologie

 
     
   




Arbeitsfelder

Umweltpsychologie untersucht den Einfluß komplexer Umgebungen auf die individuelle Befindlichkeit und den Einfluß menschlicher Tätigkeit auf die Umwelt. Das Arbeitsfeld der Umweltpsychologie wird durch die Fragestellung definiert. Dabei wird auf den Fundus der in der psychologischen Forschung bewährten Methoden und Theorien zurückgegriffen. Die ”ökologische Perspektive” verschiebt allerdings das Spektrum der angewandten Methoden vom Laborversuch zur Feldbeobachtung, vom Experiment zu nicht-reaktiven Versuchsanordnungen, von der Analyse des Verhaltens zur Prognose (impact assessment) der Einflüsse und Wirkungen, die von geplanten Projekten ausgehen werden; dies kann auch anhand von Simulationen geschehen (Dörner, 1989). Vielfalt und ständige Veränderung der menschlichen Lebensräume machen die Umweltpsychologie unübersichtlich und prinzipiell unabschließbar. Die Resultate der Umweltpsychologie, soweit sie sich nicht auf Basiskonzepte wie die Lerntheorie zurückführen lassen, sind daher stärker an die lokalen und historischen Umstände gebunden, als es dem üblichen Standard psychologischer Forschung entspricht. Gründliche Einführungen in das Thema bietet im deutschen Sprachraum z.B. das Handbuch von Kruse et al. (1990). Eine ältere Traditionslinie der Umweltpsychologie, die bis in die zwanziger Jahre zurückreicht, beschäftigt sich mit dem Einfluß artifizieller Umwelten (Großstadt, Hochhäuser, Gefängnisse, Produktionsanlagen) auf ihre Benutzer. Inhaltliche Verzweigungen führen zur Ergonomie sowie zur Architektur- und Medienpsychologie. Die aufwendige, vom Lewin-Schüler Barker entwickelte, Behavior-Setting-Analyse erfaßt typische Verhaltensweisen von Menschen in definierten sozialen Umwelten wie Bibliotheken, Kaufhäusern oder Kneipen. Die Anpassung der sensorischen Informationsgewinnung an natürliche Vorgaben und die effiziente Nutzung der darin enthaltenen Reizangebote (affordances) stehen im Zentrum der ökologischen Psychologie Gibsons. Anfang der siebziger Jahre verengt sich unter dem Einfluß der damals entstehenden Umweltdiskussion die begriffliche Bedeutung. Aus der ökologischen (ecological) Psychologie emanzipiert sich die Umweltpsychologie (environmental), wobei im angelsächsischen Sprachraum die begriffliche Unterscheidung strikter beachtet wird als im deutschen. Die Inhalte der Umweltdiskussion – Plünderung der planetaren Ressourcen und damit langfristige Zerstörung der Lebensgrundlagen – sind kein genuiner Gegenstand der Psychologie. Aber die Psychologie ist die erste Adresse für die zentrale Frage, wieso trotz des zunehmenden Wissens um die Bedrohung der Umwelt die destruktiven Verhaltensmuster nicht durchbrochen werden (Verhalten). Von der Psychologie wird erwartet, umweltschädigendes Verhalten auf individueller Ebene zu erklären und Interventionen zum Aufbau umweltverträglicher Verhaltensalternativen zu entwickeln (Schahn & Giesinger, 1993).

Durch die Verbindung von Umweltbewußtsein und Handlungspraxis kommt die ethische Dimension ins Spiel. Über die Erfassung von Werthaltungen hinaus wird deren Umsetzung in aktives Handeln, die weit hinter den Erkenntnisstand zurückfällt, zum Forschungsthema. Individuell kann daraus eine erhebliche kognitive Dissonanz entstehen. Ein Grund für die wachsende Differenz zwischen Erkenntnis und Handeln liegt in der Natur der Wahrnehmung, die viele Aspekte der Umweltkrise nicht adäquat erfaßt. Daraus folgt eine tendenzielle Unterschätzung ihres Gefahrenpotentials und damit verbunden eine verminderte Handlungsmotivation. Ein zweiter Grund ist die aus der Einstellungsforschung bekannte Konstellation von handlungshemmenden und handlungsfördernden Faktoren (Einstellung, geplantes Verhalten).



Grenzen der Umweltwahrnehmung

Das Wissen über die Belastung der Umwelt stammt nur zu einem kleinen Teil aus der direkten persönlichen Wahrnehmung. Sichtbar sind z.B. Baumaßnahmen, Monokulturen oder Hochspannungsleitungen. Hörbar ist der Verkehrslärm. Olfaktorisch kommen Geruchsbelästigungen durch Abgase und Chemikalien hinzu. Diese Phänomene betreffen zunächst die Umweltästhetik und stellen nicht unmittelbar das Überleben in Frage. Daß hinter der ästhetischen Degradation des Lebensraums eine Bedrohung der Lebensgrundlagen stehen kann, läßt sich aus der unmittelbaren Erfahrung nicht ableiten. Wahrnehmung spricht auf Kontraste an. Das gestalthaft Abgehobene wird ebenso wie das plötzlich Auftretende, rasch sich Verändernde zuverlässig wahrgenommen. Umgekehrt entziehen sich diffuse Phänomene der Wahrnehmung ebenso wie langsame Prozesse. Was sich nur langsam verändert, unterliegt innerhalb eines weiten Toleranzbereichs der Gewöhnung, wobei sensorische Anpassung (Adaptation) und kognitive Anpassung (Habituation) sich ergänzen. Die Gewöhnung an das Gegebene kann so weit gehen, daß objektiv belastende Gegebenheiten, wie ein permanent erhöhter Lärmpegel, subjektiv ausgeblendet werden (Lärmbelastung, Lärmwirkung). Vielen Aspekten der Umweltkrise, wie der globalen Bevölkerungszunahme oder der langfristigen Klimaänderung, fehlen die räumlichen und zeitlichen Konturen. Es handelt sich hierbei um keine konkreten, fest umrissenen Sachverhalte, sondern um Namen für diffuse, langsam ablaufende, gewöhnungsfähige Prozesse. Sie durchdringen den Alltag, ohne ihn faßbar zu verändern. Das Gefährliche wird als Resultat von statistischen Erhebungen auf hohem Abstraktionsniveau beschrieben, während es allenfalls symptomatisch und in Einzelfällen sinnfällig werden kann.



Vermittelte Wahrnehmung

Über die Massenmedien werden Informationen verbreitet, die den persönlichen Erfahrungsbereich erweitern. Dazu gehören auch Vorgänge, für die es überhaupt keine Sinnesorgane gibt. Ohne Presse, Rundfunk und Fernsehen hätte die mitteleuropäische Öffentlichkeit die Reaktorhavarie von Tschernobyl nicht bemerkt. Von der Nitratbelastung des Trinkwassers, der Versauerung der Böden und der Existenz von polaren ”Ozonlöchern” haben wir nur Kenntnis, weil wir über die Medien an die globale Zirkulation des Wissens angeschlossen sind. Damit verbunden sind spezifische Probleme der Darstellung und der Rezeption. Das audiovisuelle Leitmedium ”Fernsehen” transportiert diese Informationen unzureichend, da es auf direkt sichtbare Bilder angewiesen ist. Es wirkt am überzeugendsten dort, wo konkrete, örtlich und zeitlich umschriebene Katastrophen (wie etwa eine Ölpest) dargestellt werden. Aufgrund ihrer Basisfunktion, Neues aufzugreifen und zu verstärken, können die Medien gerade das von Tag zu Tag annähernd Gleiche nicht über längere Zeit im Brennpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit halten. Auch die Medien entwickeln gegenüber dem Gleichbleibenden ihre spezifische Art der Gewöhnung. Diverse Abwehrformen, die an den Wahrnehmungen und ihrer Gewichtung ansetzen, machen die kognitive Dissonanz zwischen ökologischer Bedrohung und individueller Untätigkeit bzw. Hilflosigkeit erträglich. 1) Verfügbarkeitsheuristik: Der Vergleich der scheinbar weitgehend intakten, direkt wahrgenommenen Umgebung mit abstrakten schlechten Nachrichten schwächt deren Überzeugungskraft. Der direkte Augenschein dominiert und erleichtert die Leugnung des nur Gewußten. 2) Selektive Wahrnehmung: Die Ausblendung des Unerwünschten, kombiniert mit der aktiven Auswahl der Informationen, die den eigenen Einstellungen und Erwartungen entsprechen, vermindert das Gewicht ökologisch relevanter Daten. 3) Sicherheitssignale: Die Orientierung am unaufgeregt-normalen Verhalten der Mitmenschen dämpft die eigene Beunruhigung. Auch das gewohnte, stabile Erscheinungsbild der Medien im vertrauten Umfeld reduziert die Irritation über schlechte Nachrichten. 4) Schwellenfunktion: Medial dargestellte Ereignisse müssen eine Mindestgröße (Schwelle) überschreiten, die mit der Entfernung vom Berichtsort zunimmt. Nur die ganz großen Ereignisse werden über globale Distanz vermittelt. Analog zur Struktur der kognitiven Karten (cognitive maps) ergibt sich daraus ein Übergewicht der kleinen, lokalen Verhältnisse. Die eigene Umgebung erscheint als vergleichsweise ruhige, ungefährdete Zone. Wo allerdings die Bedrohung aus der Umwelt, wie in der Nachbarschaft beschädigter Atomkraftwerke, nicht bagatellisiert werden kann, werden anhaltende Streßreaktionen beobachtet, die sich u.a. in sozial destruktivem Verhalten (steigender Drogenkonsum, erhöhte Konfliktquote) und in depressiver Verstimmung manifestieren (Streß, Belastung).



Einstellung und Bewertung

Die mangelnde Fundierung umweltkritischer Befunde im persönlichen Erleben führt dazu, daß Umweltsorgen zwar in Umfragen ständig präsent sind, aber in Abhängigkeit von aktuellen Ereignissen (Verfügbarkeitsheuristik) und von der Intensität der Berichterstattung erhebliche Schwankungen aufweisen. Die Differenz zwischen objektivem Umweltwissen und subjektiver Umwelterfahrung öffnet einen weiten Spielraum für subjektive Bewertungen. Das erklärt die extrem differierenden Standpunkte etwa in der Diskussion zur Sicherheit von Atomkraftwerken. Die Risikoabschätzung (risk assessment) der Experten beschränkt sich im wesentlichen auf das Produkt von Schadenshöhe und Schadenswahrscheinlichkeit (Risiko). In die Risikowahrnehmung (risk perception) sensibilisierter Laien gehen zusätzliche, emotional besetzte Faktoren ein (outrage factors); dazu zählen Freiwilligkeit, individuelle Kontrollierbarkeit, Katastrophenpotential, Erkennbarkeit von Störfällen und Vertrautheit mit der Technologie. Diese Faktoren tragen zur geringen Akzeptanz vieler großtechnischer Anlagen seitens der Bevölkerung bei. Die damit verbundenen sozialen Konflikte bedürfen zu ihrer Lösung kompetent eingesetzter Risikokommunikation und Mediation.



Umweltbewußtsein und Handeln: hemmende Faktoren

Trotz überwiegend vorhandenem Umweltbewußtsein ist die Kluft zum individuellen Handeln teilweise gravierend. Hierfür gibt es eine Reihe von Gründen. 1) Verstärkersituation: Konsumangebot und Konsumgewohnheiten sind durch verschwenderischen Umgang mit Energie geprägt. Energiesparen bedeutet Verzicht auf Bequemlichkeit (Individualverkehr) und Anstieg der Kosten (naturnah produzierte Nahrungsmittel, energiesparende Baumaßnahmen). Allgemein erfordert umweltschonendes Verhalten Widerstand gegen kurzfristige ökonomische Vernunft und gegen eine Fülle von materiellen und sozialen Verstärkern. 2) Verantwortungsdiffusion: Die ökologischen Fehlentwicklungen sind Gemeinschaftsprodukte. Die Verantwortung dafür verteilt sich auf Millionen Akteure. Der individuelle Anteil ist verschwindend gering. Damit verliert auch das individuelle Handeln seine Bedeutsamkeit. Die Minimierung der eigenen Verantwortung in Verbindung mit Sachzwängen (externale Attribution) wird häufig als Rechtfertigung für umweltschädliches Verhalten eingesetzt. 3) Allmende-Klemme (dilemma of the commons): In offenen Gesellschaften mit starker Konkurrenz fällt die Durchsetzung solidarischer, auf Verzicht basierender Verhaltensformen schwer. Vor allem die Ausbeutung gemeinschaftlicher Ressourcen wie Wasser und Luft als Rohstoff oder Produktionsmittel verspricht individuellen Gewinn, während die Folgekosten auf die Gemeinschaft umgelegt werden. 4) Erfolgsfallen: Viele Innovationen (z.B. FCKW) werfen schnellen Gewinn ab, was ihre rasche Verbreitung begünstigt. Ihr Gebrauch wird durch den Aufbau der notwendigen Infrastruktur (Produktionsanlagen) und durch Konsumgewohnheiten (Sprays, Kühlschränke) stabilisiert. Wenn die schädlichen Konsequenzen (Ozonabbau in der Stratosphäre, Nutzung von Antibiotika, Pestiziden und Kernkraft) mit zeitlicher Verzögerung erkennbar werden, gestaltet sich der Ausstieg langwierig und kostspielig. Die Nutzungsvorteile gehen sofort verloren, während die Schäden jahrzehntelang nachwirken können. 5) Umgang mit Komplexität: Angesichts komplexer ökologischer Zusammenhänge erkennen auch positiv motivierte Akteure nicht immer, welche Interventionen erfolgversprechend sind. Dörner (1989) hat in realitätsnahen Simulationen gezeigt, welche typischen Fehler (übersehene Nebeneffekte, Bildung zentraler Hypothesen, Reparaturdienstverhalten, Überdosierung) dabei begangen werden.



Umweltbewußtsein und Handeln: fördernde Faktoren

Um umweltschonendes Handeln zu erreichen, sind folgende fördernde Ansätze in Betracht zu ziehen. a) Fuß-in-der-Tür-Technik; b) Kommunikative Interventionstechniken wie z. B. Soziales Marketing, die zur Partizipation der Betroffenen und zur Konsensbildung beitragen.

c) Handlungsanreize: Umweltverträgliches Handeln braucht außer einschlägigem Wissen und positiver Einstellung auch Verhaltensangebote – erkennbare und zugängliche Alternativen, (incentives), Belohnungen und Bestrafungen über Preisvorteile oder Bußgelder sowie promptes und dichtes Feedback über die Handlungseffekte (s. handlungsorientiertes Modell von Fietkau & Kessel, 1981). Dieses Modell aus dem Geist der Lerntheorie greift die ältere Tradition der Umweltpsychologie wieder auf, indem es die Verhaltenskontrolle aus dem internalen Bereich in die Umwelt zurückverlegt. Anstelle von Einsicht werden komplexe Formen operanter Konditionierung gesetzt. Kommerzielle Beispiele für verhaltenssteuernde Umgebungen sind Supermärkte und Freizeitparks. Aber auch in Autos und Verkehrswege sind Aufforderungen zu rascher Fortbewegung (monotone Umgebung, Geräuschdämpfung, Straßenlage) gleichsam eingebaut. Unter umgekehrten Vorzeichen (Fahrgeräusche, unebene Fahrbahn usw.) kann das Verhalten in Richtung auf Verzicht und Zurückhaltung modifiziert werden. Der Ansatz zur Förderung umweltverträglichen Verhaltens durch Konditionierung ist erfolgversprechend, wenngleich ethisch nicht unbedenklich (Huxley: Brave New World; Skinner: Walden II). Dauerhafte und tiefgreifende Verhaltensänderungen gegen den Verstärkerdruck konsumfördernder Stimuli sind aus psychologischer Sicht jedenfalls nicht zu erwarten. Umweltpsychologie könnte helfen, den Pfad zu erkunden und begehbar zu machen, der zwischen dem ökologischen Desaster und der Schönen Neuen Welt hindurchführt.

Literatur

Dörner, D. (1989). Die Logik des Mißlingens. Reinbek: Rowohlt.

Fietkau, H.-J. & Kessel, H. (1981). Umweltlernen. Königstein/Taunus: Hain.

Kruse, L., Graumann, C.-F. & Lantermann, E.-D. (Hg.) (1990). Ökologische Psychologie.

München: Psychologie-Verlags-Union.

Schahn, J. & Giesinger, T. (Hg.) (1993). Psychologie für den Umweltschutz. Weinheim: Psychologie-Verlags-Union.


 
     
 
 
 
     
 
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